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In
diesem Beitrag wird die These vertreten und mit vielen Belegen angereichert,
daß die Ölförderung außerhalb der OPEC in den kommenden Jahren das Maximum
erreichen wird. Danach wird die Produktion zurückgehen. Dies wird eine
große Versuchung für die Preispolitik der OPEC darstellen. Doch auch dort
wird bald darauf die maximale Produktion erreicht werden. Zusammen mit
der zunehmenden Klimaproblematik und dem beginnenden Erstarken regenerativer
Energietechnologien wird dies einen Trendwechsel in der Energieversorgung
mit Einfluß auf die gesamte Wirtschaftsweise bedingen.
Einleitung
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Das Rückrat der Industriegesellschaften
bildet die Verfügbarkeit von fossiler Energie. In dem Maße wie diese leicht
zugänglich wurde, beschleunigte sich auch das industrielle Wachstum. Es
gibt jedoch deutliche Anzeichen dafür, daß wir hier das Maximum der Wachstumsrate
erreicht haben oder bald erreichen werden. Dies wird herausragende Konsequenzen
nicht nur für die physikalisch/technische Struktur der Energieversorgung,
sondern auch auf unsere gesamte Wirtschaftsweise haben.
Wir wollen in diesem Beitrag Argumente anführen, die nahelegen, daß wir
vor einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Energieversorgung stehen.
Diese Umstrukturierung ist unseres Erachtens bereits in vollem Gange.
Antrieb dieser Umstrukturierung bilden drei in ihrer Intensität zunehmende
Problemkreise, die alle in dieselbe Richtung weisen:
Die Emissionsprobleme des Abbrandes von fossilen Energieträgern Kohle
Öl und Gas nehmen mit zunehmendem Verbrauch deutlich zu. Lokal bilden
Schadstoffe wie Stickoxide, Kohlenmonoxid, unverbrannte Kohlenwasserstoffe
das Hauptproblem. Doch vor allem das auf globaler Ebene unvermeidbare
Verbrennungsprodukt Kohlendioxid (und ähnlich wirkende Emissionen) nimmt
eine herausragende Stellung ein. Jeder, der es wissen will, kann sich
heute darüber ausreichend informieren. Dies setzen wir als bekannt voraus.
Jedoch weitgehend im Verborgenen hat sich die Versorgungssituation beim
Rohöl gegenüber den großen Öffentlichen Diskussionen in den 70iger Jahren
deutlich verschärft. Mit jedem weiteren Jahr wird die Notwendigkeit einer
Umorientierung weg vom Öl zunehmends deutlicher. Da dies in der öffentlichen
Diskussion noch weitgehend ignoriert wird, wollen wir den wesentlichen
Teil dieses Aufsatzes hierauf konzentrieren.
Drittens haben sich neue Energietechnologien in den vergangenen zehn
Jahren deutlich weiterentwickelt und werden unterdessen mit ernstem industriellen
Interesse verfolgt. Auch hier beginnt sich erst allmählich die öffentliche
Sichtweise den Realitäten anzupassen. Auf diesbezüglichen Erläuterungen
wird ein weiterer Schwerpunkt dieses Aufsatzes liegen.
Es ist unsere Überzeugung,
daß diese drei Antriebskräfte in die gleiche Richtung weisen und mit jedem
Jahr eine Schwächung der Zukunftschancen der fossilen Energie hin zu einer
Stärkung Erneuerbarer Energietechniken bringen. In dem Maße, wie es zunehmend
konsensfähiger wird, daß neue regenerative Energietechnologien ein breites
Marktpotential für nachhaltige Energiestrukturen bieten, wird der Wandel
von einer defensiven Haltung der Industrie, die diesen Wandel als Bedrohung
ansieht, hin zu einer offensiven Haltung der Industrie, die diesen Wandel
als Chance für expandierende Geschäftsfelder begreift, stattfinden. Eine
Gewichtung der drei oben angeführten Aspekte ist müßig, da alle Bereiche
in dieselbe Richtung weisen und nach dem selben „Heilmittel“ verlangen,
nämlich einer emissionsfreien und nachhaltigen Energieversorgung.
Es ist unsere Überzeugung,
daß sich in den nächsten Jahren dieser „mentale“ Wandel vollziehen wird.
Aufgrund der erkennbaren Indizien ist es wesentlich vernünftiger, anzunehmen,
daß in den kommenden 10 – 20 Jahre gravierende Umbrüche erfolgen, daß
„kein Stein mehr auf dem andern bleibt“, als anzunehmen, daß die Energieversorgung
der kommenden 20 Jahre so ähnlich verlaufen wird wie die der vergangenen
20 Jahre. Diese Sichtweise bietet Anlaß zur Hoffnung, die wir aber auch
benötigen, um künftige Probleme erfolgreich anzugehen. Davon soll in dieser
Arbeit die Rede sein. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß
trotz allen Optimismus, kein Mensch weiß, wieviel Schadstoffe die Erde
verträgt – wie schnell ist schnell genug? Die Entwicklung verläuft bei
Belastungen jenseits eines „elastischen“ Bereiches irreversibel, zu große
negative Veränderungen können nicht rückgängig gemacht werden.
Zunächst wollen wir einige grundsätzliche Aspekte ansprechen, deren Verständnis
für diese Sichtweise hilfreich ist. Weitere allgemeine Folgerungen z.
B. über Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen sind an anderer
Stelle ausgeführt [SCHINDLER, 1998]
Die“ Wechseljahre der Menschheit“
Die Überschrift wurde vor zwanzig Jahren bereits in einem lesenswerten
Aufsatz von K.E. Ziemen formuliert, dessen wesentliche Aussagen nichts
an Aktualität verloren haben und wir im folgenden kurz referieren [ZIEMEN,
1980].
Eigentlich ist es trivial: in einer begrenzten Welt kann nichts unbegrenzt
wachsen. Dies gilt für die Bakterienpopulation in einer Petrischale ebenso
wie für die Größe eines Baumes, für die Weltbevölkerung ebenso wie für
die Welternährungslage, für die Industrieproduktion ebenso wie für das
Wachstum von Infrastrukturen, oder eben auch für Rohstoffe, auf deren
Nutzung wir unser industrielles Wachstum aufbauen.
Die Konsequenz hieraus
ist ebenso trivial: Die Wachstumsrate, also der Zuwachs pro Zeiteinheit
ist in der Anfangs- und in der Endphase sehr klein. Dazwischen erreicht
sie irgendwo, meist bei der Hälfte der Ausschöpfung des Potentials ihren
größten Wert. Mathematisch gesprochen ist das die Ableitung der Wachstumsfunktion.
Und damit sind auch schon die wesentlichen Eigenschaften festgelegt:
In der Anfangsphase beschleunigt sich das Wachstum, meist sogar in exponentiellem
Maße, d.h. der Zuwachs ist proportional der bereits vorhandenen Menge.
Jedoch bereits lange bevor die Grenzen erreicht werden, nämlich etwa bei
der Hälfte, beginnt sich das Wachstum wieder zu verlangsamen. Trägt man
die Wachstumsrate als Funktion der Zeit auf, so ergibt sich eine Glockenkurve,
die idealerweise ihr Maximum nach der halben Wachstumszeit hat. Hieraus
die wichtigste Erkenntnis ist, daß ein System bereits dann den Einfluß
der Grenzen zu spüren beginnt und eine Trendwende einsetzt, wenn das Reservoir
erst zur Hälfte ausgeschöpft ist. Dies ist in Bild 1 schematisch dargestellt.

Bild
1: Wachstum in begrenzten Systemen; oben Wachstum bis zur Kapazitätsgrenze,
unten Wachstumsrate
Es gibt nun deutliche Anzeichen dafür, daß wir in wesentlichen Wachstumskurven
in der Umgebung dieses Wendepunktes sind:
- Prominentes Beispiel sei die atmosphärische Anreicherung von Spurengasen wie
Kohlendioxid. Worüber in Kioto Beschlüsse gefaßt wurden und noch heftig
gerungen wird, ist die Reduzierung der weltweiten Emissionsrate, auf
diese Grafik übertragen also das Überschreiten des Maximums der Wachstumsrate.
Für die atmosphärische Anreicherung (in dieser Grafik dem Gesamtzuwachs
M entsprechend), die ja letztendlich für das Klima ausschlaggebend ist,
bedeutet dies aber, daß die Konzentration und damit die Klimabeeinflussung
noch etliche Jahre weiter zunehmen wird. So wie es heute aussieht befinden
wir uns zwar nahe dieses Maximums der Emissionsrate, haben es jedoch
noch nicht überschritten.
- Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung hat ihr Maximum überschritten. Betrug
der Zuwachs 1990 noch 1,7 % p.a., so ging er auf heute 1,3 % p.a. zurück
[Sadik, 1990/1999].Vermutlich wird noch lange ein Zuwachs erfolgen,
aber dieser ist langsamer als in der Vergangenheit. Strittig ist noch,
ob die Bevölkerung auf 7 oder 11 Mrd. Menschen anwachsen wird und welche
Konsequenzen dies haben wird.
- Die jährlichen Ernteerträge wuchsen über viele Jahrzehnte. Seit Mitte der 90iger
Jahre scheint dieses Wachstum zu stagnieren. Trotz erhöhter spezifischer
Erträge pro Hektar Anbaufläche nehmen die Gesamterträge nicht mehr zu,
da die landwirtschaftliche Anbaufläche Jahr für Jahr reduziert wird
[BROWN, 1997].
Betrachtet man die Entwicklung der Menschheit über viele Jahrhunderte,
so erfolgen die großen quantitativen Änderungen auf ein bis zwei Jahrhunderte
zusammengedrängt. Parallel mit dem Energieverbrauch nahm die Industrialisierung
und die Weltbevölkerung zu. Dies kann nur über einen begrenzten Zeitraum
geschehen, dann muß sich das System in ein neues Gleichgewicht einschwingen.
Nur in der Übergangsphase erleben wir dramatische, schnellläufige Änderungen.
Wenn diese Phase aber vorüber ist, dann muß notwendigerweise die gesamte
Lebensweise wieder einem anderen Rhythmus folgen. Die Änderung einer der
wesentlichen Wachstumskurven hat aufgrund der komplexen gegenseitigen
Abhängigkeiten einschneidende Auswirkungen auf die gesamte Lebens- und
Wirtschaftsweise. Und die Entwicklung der Energieversorgung ist eine solche
wesentliche Wachstumskurve.
In dem oben zitierten Aufsatz von K.-E. Ziemen ist es die zentrale These,
daß wir uns in etwa auf dem Maximum der zentralen Wachstumskurven befinden.
Damit beginnen die Systemgrenzen das Wachstum zu beeinflussen und zu reduzieren.
Genau dieser Trendwechsel von zunehmendem zu abnehmendem Wachstum erfordert
aber großeÄnderungsprozesse. Und mit diesen Änderungs- und Anpassungsprozessen
sind die heute lebenden Generationen konfrontiert. Sie zu bewältigen kann
als ihre Lebensaufgabe bezeichnet werden.
Innerhalb der Energieversorgung wiederum bildet die Ölversorgung die
derzeit wichtigste Leitgröße. In diesem Aufsatz vertreten wir – aufbauend
auf den Untersuchungen von Campbell, Laherrere u.a. [CAMPBELL,
1995] - die These, daß wir nahe dem Maximum der weltweiten Ölproduktion
sind. Dies wird im folgenden ausführlich belegt werden.
Ölproduktion und Reserven – Quellenlage und öffentliche
Wahrnehmung
Frühe fundierte Schätzungen der Ölreserven stammen von dem amerikanischen
Geologen M. King Hubbert [HUBBERT, 1974].
Er hat als erster auf die Tatsache hingewiesen, daß die Ausbeutung jeder
Ölquelle dem Verlauf einer Glockenkurve folgt: Die Förderung steigt über
die Jahre an, erreicht ihr Maximum, wenn etwa die Hälfte des Öls gefördert
ist, und sinkt danach kontinuierlich wieder ab. Seine wesentliche Leistung
bestand darin, daß er den Blick auf die Frage gelenkt hat, wann die Fördermenge
in einem bestimmten Fördergebiet oder auch weltweit ihr Maximum erreicht
- diese Frage ist viel wichtiger als die Frage nach der Reichweite des
verbleibenden Öls. Er hat im Jahr 1956 auch das Maximum der amerikanischen
Ölförderung für Anfang der 70er Jahre vorausgesagt. Für diese Prognose
wurde er damals viel verlacht, doch tatsächlich hat er genau recht behalten.
Die erst später entdeckten Vorkommen in Alaska konnten den Zeitpunkt der
maximalen Förderung nicht hinausschieben, sondern nur den Rückgang der
Förderung etwas bremsen. Hubbert sagte im Jahr 1974 voraus, daß –den damals
herrschenden Verbrauchstrend fortschreibend - die weltweite Ölförderung
um das Jahr 1995 ihr Maximum erreichen werde, weil dann etwa die Hälfte
des vermutlich vorhandenen Öls aus der Erde geholt sei.
Im Jahr 1980 wurde von amerikanischen Experten im Auftrag des Präsidenten
eine Untersuchung mit dem Titel „Global 2000“ vorgestellt [BARNEY,
1980]. Dieser Bericht stellt bis heute die einzige, auch einer breiten
Öffentlichkeit bekannt gewordene Untersuchung zu den fossilen Energiereserven
dar. (Der Bericht des Club of Rome im Jahr 1972 sei an dieser Stelle
ausgeklammert, da er zwar die prinzipiellen Mechanismen öffentlich machte,
sich aber auf eine auch für damalige Verhältnissse unzureichende Datenbasis
stützte). In diesem Bericht wurde bereits festgestellt, daß die Erfolgsquote
beim Auffinden neuer Ölfelder zurückgeht und daß die Erdölproduktion vermutlich
gegen Ende des Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichen werde. Die Studie
kam zu dem Schluß, daß maximal 2.100 Mrd. Barrel an förderbarem Rohöl
auf der Erde vorhanden seien - eine Angabe, die auch aus heutiger Sicht
an der Obergrenze liegt.
In den Jahren seit 1980 wird die öffentliche Wahrnehmung der Problematik
eigentlich nur durch beruhigende Presseberichte, die auf Meldungen der
Ölindustrie basieren, geprägt. Erst die 1995 erschienene Studie „World
Oil Supply 1930 - 2050“ liefert eine fundierte unabhängige Analyse des
Problems der Erdölreserven [CAMPBELL, 1995].
Diese Arbeit basiert auf der größten unabhängigen Datenbasis - der der
Firma Petroconsultants in Genf - sowie auf der jahrzehntelangen Erfahrung
der Autoren in der Analyse von Erdölvorkommen und bezieht in die Auswertung
die Daten von mehr als 10.000 Ölfeldern ein. In ihren Schlußfolgerungen
zeigt sie, daß die frühen Abschätzungen von Hubbert, aber auch die Einschätzung
des Berichtes „Global 2000“ mit ihrer Prognose des Produktionsmaximums
um das Jahr 2000 erstaunlich genau waren. Im Unterschied zu damals können
diese Prognosen heute jedoch mit wesentlich besser abgesichertem statistischen
Datenmaterial belegt werden.
Vier Jahre sind seit der Veröffentlichung vergangen, dennoch hat sich
in der öffentlichen Wahrnehmung wenig geändert.
Dieses verzerrte Bild in der Öffentlichkeit ist auf einige Gründe zurückzuführen:
ein wichtiger ist sicherlich, daß schon mehrmals in der Vergangenheit
das Versiegen der Ölquellen vorhergesagt wurde und immer wieder die Prognosen
sich als zu kurz gegriffen erwiesen. Hierbei wurde jedoch zumeist der
völlig unzureichende Begriff der statischen Reichweite der in Statistiken
veröffentlichten Ölvorräte als Maßstab benutzt. Durch eher fallende oder
konstante Ölpreise sah man sich bestätigt, daß hier kein Problem existiere.
Letztlich wurde dieses Empfinden durch Presseinformationen über ständig
neue und große Funde sowie über wachsende Reserven bestärkt.
Ein niedriges Preissignal als Reserve-Information zu werten, zeigt eine
viel zu kurzfristige Betrachtung der Dinge. Der Ölmarkt spiegelt eben
gerade keine langfristigen Knappheiten wider, sondern kurzfristige Marktungleichheiten
zwischen Angebot und Nachfrage. Erst wenn die Förderraten deutlich hinter
die Nachfrage zurückfallen, werden sich langfristige Knappheiten auch
auf die Marktsituation übertragen. Es ist daher eine völlig falsche Sichtweise,
aus momentan niedrigen Preisen auf eine mittel- und langfristig stabile
Versorgungslage und große Reserven zu schließen.
Liest man unkritisch
Presseveröffentlichungen, so hat man den Eindruck, als ob jährlich mehr
Öl gefunden würde als tatsächlich verbraucht wird. Dazu nur zwei Beispiele
aus der Tagespresse : „Ölkonzern Elf entdeckt riesiges Ölfeld vor Angola“;
die Süddeutsche Zeitung berichtete am 10. Dezember 1997 über den Fund
eines neuen Feldes, dessen Größe mit 730 Millionen Barrel beziffert wird
- gleichzeitig wird der Fund als einer der größten der vergangenen Jahre
bezeichnet. Man müßte aber z.B. jährlich etwa 35 neue „Angola-Felder“
finden, um auch nur den laufenden Ölverbrauch eines Jahres zu decken (das
stand allerdings nicht in der Zeitung). Vor kurzem ging der Fund eines
Ölfeldes im Iran mit 26 Mrd. Barrel Inhalt durch die Presse. Dieser Fund
wurde als der größte seit 30 Jahren bezeichnet. Ließt man die Notiz jedoch
genau, so wird deutlich, daß abweichend von der sonst üblichen Sprechweise
der Ausbeutefaktor noch nicht berücksichtigt ist – dieser gibt an wieviel
des vorhandenen Öls auch tatsächlich gefördert werden kann. Legt man diesen
zugrunde, so reduziert sich der Ölfund auf 2,5 – 10 Mrd Barrel, bei heutigem
Verbrauch also für 1 - 5 Monate ausreichend [BALALI, 1999].
Theorie
und Praxis von Reservestatistiken
Exemplarisch für die gängige Argumentation sei folgendes prominente Zitat:
„Wir haben seit 1935 permanent Erdölreserven für die nächsten 40 Jahre,
obwohl der Verbrauch heute ein Vielfaches des Verbrauches von 1935 ist“
[MÜLLER, 1999]. Gemäß offiziellen Statistiken wachsen die Reserven
Jahr für Jahr, teilweise sogar stärker als der Verbrauch. Oft wird betont,
als Reserve werde das „unter heutigen Bedingungen wirtschaftlich gewinnbare
Öl“ bezeichnet. Daher würde bei steigenden Ölpreisen auch die Reserve
steigen. Gerade diese Diskrepanz sorgt für eine Verunsicherung die dazu
führt, daß man fast jede Meldung der Reservenerhöhung für bare Münze nimmt.
Hier ist grundsätzlich festzustellen, daß die geologischen Reserven in
keiner Weise wachsen, allenfalls unsere Kenntnis hierüber kann wachsen.
Am ehesten läßt sich die Situation mit dem Begriff einer „doppelten“ Buchführung
vergleichen. Die in Statistiken als Reserve betrachteten Ölmengen und
die von den Geologen als „estimated ultimately recoverable (EUR)“ bezeichnete
Ölmenge differieren teilweise erheblich. Möchte man mit den offiziellen
Reserveangaben in wirtschaftspolitischen Zusammenhängen taktieren, so
bildet die wesentlich weniger populäre „estimated ultimately recoverable“
- Angabe den Versuch, über die tatsächliche Situation Klarheit zu erlangen.
Überall dort, wo diese benutzt wurde, sei es bei Hubbert im Jahr 1974,
in Global 2000 im Jahr 1980 oder von Petroconsultants im Jahr 1995, gleichen
sich die Ergebnisse überraschend gut.
So sind große Zweifel angebracht, ob denn die jährlich übermittelten
und publizierten Reservestatistiken der Realität tatsächlich entsprechen.
Viel Verwirrung erzeugt schon die undurchsichtige Benutzung der verschiedenen
Reservebegriffe.
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schreibt [BGR,
1995]: „... sind Vorräte/Reserven jene Anteile von ursprünglich in einer
Lagerstätte vorhandenen Kohlenwasserstoffen, die mit Bohrungen nachgewiesen
bzw. wahrscheinlich sind und die mit heutiger Technik gewinnbar sind.
Nachgewiesene, aber technisch und /oder wirtschaftlich z.Z. nicht gewinnbare
Kohlenwasserstoffe sind Ressourcen. Zu den Ressourcen gehören ferner gewinnbare
Mengen von zwar noch nicht nachgewiesenen, geologisch aber möglichen Lagerstätten,
also z.B. zu erwartende Neufunde. ... Die sicher gewinnbaren Reserven
(proved recoverable reserves) umfassen den wirtschaftlich förderbaren
Teil der sicher nachgewiesenen Reserven.“
Soweit die Definition. Doch bereits hier bleibt genügend Spielraum für
unterschiedliche Auslegungen: Ab wann gilt eine Reserve nachgewiesen?
Mit welcher Wahrscheinlichkeit gilt sie als nachgewiesen? Welcher Ausbeutefaktor
wird zugrundegelegt? Was bedeutet „mit heutiger Technik“ gewinnbar?
Dieser Unsicherheit vesucht die US-Geological Society mit einer eigenen
Definition zu entkommen[IVANHOE, 1996]:
Mit komplexen Rechenprogrammen und Extrapolationen werden die Reserven
gemäß einer errechneten Wahrscheinlichkeit unterschieden in 5 %, 50 %
und 95 % wahrscheinlich geologisch vorhandene Reserve.
Oft hört man auf der Definition desrBGR aufbauend folgende Argumentation:
Wird Öl teurer, so werden einerseits weniger ergiebige Ölfelder wirtschaftlich
und damit ehemalige Ressourcen in Reserven übergeführt . Zweitens wird
es aber auch lukrativer, mehr zu explorieren und damit wieder mehr Öl
zu finden. Daher ist die Reichweite von Erdöl, d.h. wie lange reichen
die bekannten Ölreserven bei heutigem Verbrauch, eine ständig wechselnde
Größe, die nichts mit der Realität zu tun habe, sondern ausschließlich
vom Ölpreis abhängt.
Soweit die Theorie! Und die Praxis?
Sosehr die letzte Argumentation einleuchtet, sowenig Relevanz kommt ihr
zu. Im letzten Jahr gab es Ölpreisfluktuationen um den Faktor zwei oder
noch höher. Gerade hier hätte sich zeigen müssen, daß bei hohem Ölpreis
die Reserven anwachsen, bei niedrigem Ölpreis aber wieder schrumpfen,
so z.B. hätte man die meisten Reserven der Nordsee oder Alaska´s bei einem
Ölpreis um 13 $/barrel als nicht wirtschaftlich förderbar aus der Statistik
nehmen müssen. Diese preisabhängige Diskussion kann allenfalls eine ganz
grobe Charakterisierung liefern, etwa um konventionelles Erdöl von unkonventionellen
Lagerstätten zu unterscheiden.
Vom zweiten Argument kann man sich weitgehend unabhängig machen, indem
man nicht die Anzahl der Neufunde oder die Explorationsbohrungen in einem
Jahr aufträgt, sondern über der Anzahl der insgesamt erfolgten Explorationsbohrungen
die damit verbundene Menge an gefundenem Öl aufträgt. Dies ist sicherlich
unabhängig von aktuellen ökonomischen Einflüssen. Derartige Grafiken,
ob für eine Firma, für eine Region oder für die ganze Welt aufgetragen,
zeigen eine eindeutige Tendenz. Die Erfolgsquote im Auffinden neuer Ölfelder,
die bei den ersten Bohrungen noch sehr hoch war, ist heute bereits sehr
klein und geht gegen Null. Die Summenkurve der Neufunde nähert sich längst
einem asymptotischen Wert [CAMPBELL, 1995].
Ganz besonders stark fiel dies z.B. bei der Firma Amoco auf. Nach Expertenmeinung
war die hohe Investition in immer erfolglosere Explorationsbohrungen eine
Hauptursache für Liquiditätsprobleme und Hintergrund für den Zusammenschluß
mit BP.
Als wohl am weitesten verbreitete Referenz für Ölreserven gilt die „BP-Amoco
Statistical Review of World Energy“ [BPAMOCO, 1999].
Liest man die Fußnoten, so erfährt man, daß diese Zahlen nicht die Meinung
des Konzerns wiedergeben, sondern dem „Oil & Gas Journal“ entnommen
sind [OIL&GAS, 1999]. Dieses
veröffentlicht jedes Jahr in seiner letzten Ausgabe eine Übersicht über
die weltweiten Erdölreserven. Doch diese Zahlen sind keineswegs wissenschaftlich
erhoben – wer sollte das denn auch tun ? Was den Herausgebern bleibt,
ist jedes Land anzuschreiben und um eine aktuelle Rückmeldung seiner Reserven
zu bitten [IVANHOE, 1996]. Somit sind diese Zahlen der Glaubwürdigkeit des Übermittlers
überlassen. Sind das nun sicher nachgewiesene Reserven, nach heutigem
Stand wirtschaftlich gewinnbare Reserven – was bedeutete in zentral planenden
Ökonomien der Begriff „wirtschaftlich gewinnbar“ – oder mit 5 %, 50 %
bzw. 95 % Wahrscheinlichkeit vorhandene geologische Reserven? Es ist ein
frommer Wunsch zu hoffen, daß alle Zahlen mit gleicher Qualität erhoben
werden. Manche Staaten betrachten ihre Reservezahlen als Staatsgeheimnis,
andere finden es nicht oportun rückläufige Reserven zu melden, wieder
andere finden es gerade zweckmäßig, anfangs zu niedrige Reservemeldungen
Jahr für Jahr etwas anzuheben, um so den Eindruck von unerschöpflich wachsenden
Ölfeldern zu erwecken. Also bleibt manche Anfrage unbeantwortet. Ob nun
in Ermangelung neuer Angaben der Herausgeber für diese Staaten einfach
die letztjährigen Zahlen fortschreibt, oder aber die Staaten selbst alte
Zahlen unverändert übermitteln sei dahingestellt – tatsächlich werden
für viele Staaten trotz teilweise hoher Förderraten Jahr für Jahr unveränderte
Reserven berichtet. Wollte man nur über die letzten 5 Jahre die als unverändert
gemeldeten Reserven um die Produktion in diesem Zeitraum korrigieren,
so reduziert sich die Gesamtmenge bereits um mehr als 4 %.
So stellen die veröffentlichten Weltreserven eine Mischung von Zahlen
unterschiedlichster Qualität dar: Nach bestem Wissen gemäß obiger Definition
erhobene Daten werden mit Daten zusammengezählt, die einfach aus alten
Jahren übernommen wurden. Neufunde werden mit teilweise gerechtfertigten,
teilweise aber nicht nachvollziehbaren Neubewertungen gleichgesetzt –
mit anderen Worten: Kein Mensch kann für die Qualität dieser Zahlen bürgen.
Besonders kritikwürdig ist die plötzliche Erhöhung der Reserven vieler
OPEC-Staaten in den 80er Jahren („political reserves“) [CAMPBELL,
1997]. Beispielsweise verdoppelte Venezuela 1987 von einem Jahr auf das andere
seine Reserven, indem es unkonventionelles Öl (Orimulsion) in die Statistik
mit einbezog. Dies mag vor dem Hintergrund der Verhandlungen um die Vergabe
eines internationalen Kredites geschehen sein – große Vorräte an Bodenschätzen
erhöhen die Kreditwürdigkeit eines Landes. Da aber innerhalb der OPEC
die Förderquoten sich neben anderen Kriterien stark an den Reserven des
jeweiligen Landes orientieren, zogen folgerichtig in den kommenden Jahren
fast alle OPEC-Staaten nach, indem sie nach Revision ihrer Ölfelder teilweise
bis zum Faktor 3 höhere Reserven meldeten, ohne daß diesen Neufunde zugrunde
lagen. Selbst wenn man diese Angaben für bare Münze nähme, so dürften
sie nicht in der Weise mißverstanden werden, daß sich hier die Reserven
im Jahr der Neubewertung vergrößert hätten, sondern dies müßte auf das
Jahr der Entdeckung des Ölfeldes rückdatiert werden. Diese Vergabepraxis
der OPEC-Förderquoten nach den vorhandenen Reserven mag auch bewirken,
daß es für keinen dieser Staaten opportun ist, über sinkende Reserven
zu berichten.

Bild
2: Reserven der OPEC-Staaten
Neben diesen offiziellen Statistiken der Staaten pflegen die Ölkonzerne
eine eigene Praxis des Berichtens der eigenen Reserven [CAMPBELL,
1997]: Wird ein Ölfeld neu exploriert, so werden anhand fernerkundeter Daten
erste Abschätzungen über den Ölinhalt und den förderbaren Anteil gemacht.
Mit jeder Probebohrung werden diese Angaben korrigiert und besser eingegrenzt.
Der Explorationsingenieur dürfte bestrebt sein, seinen Erfolg zu betonen
und damit seine Schätzung eher an die Obergrenze legen. Die Firma wird
mit eher pessimistischen Annahmen abschätzen, ob der Investitionseinsatz
zum Erschließen des Ölfeldes lohnt. Damit liegt man ökonomisch auf der
sicheren Seite. Darüber hinaus mag dies den Steueranteil reduzieren. Letztlich
aber kann man seine Fluktuationen in den Erfolgsbilanzen dadurch begradigen,
daß man in schlechten Explorationsjahren die anfangs zu niedrigen Potentialschätzungen
nach oben korrigiert. Wachsende Zahlen sehen die Anteilseigner gerne –
sie gelten als Maßstab für Erfolg.
Neubewertungen vorhandener Ölfelder sind schwer nachprüfbar, zumal eine
Neubewertung während der Produktion durchaus sinnvoll erscheint, da man
mit fortgeschrittenem Produktionsstadium eine bessere Einschätzung über
den tatsächlich förderbaren Inhalt eines Feldes erhält.
Das System Öl – die Fakten
Wem also kann man glauben? In einer solchen Situation ist es hilfreich,
nicht so sehr auf die jährlich veröffentlichten – durch zahlreiche undurchsichtige
Neubewertungen beeinflußten - Zahlen zu schielen, sondern eher auf die
großen, langfristigen Trends zu achten.
Das Vorkommen von Öl auf der Welt ist unter den verschiedensten Aspekten
über Jahrzehnte intensiv untersucht worden. Man versteht die Zusammenhänge
inzwischen sehr gut. Große Überraschungen, die die grundsätzlichen Einschätzungen
erschüttern könnten, sind mehr als unwahrscheinlich. Man kann inzwischen
sehr genau erklären, unter welchen Bedingungen und in welchen Regionen
in der Erdgeschichte Erdöl entstanden ist. Und so kennt man heute über
40000 Ölfelder, doch bereits in weniger als einem Prozent dieser Felder
sind ¾ allen Erdöls konzentriert.[BGR, 1995]
Alle wirklich großen
Vorkommen hat man schon vor Jahrzehnten entdeckt: 80% des heute geförderten
Öls stammt aus Quellen, die 30 Jahre oder länger bekannt sind. Das Maximum
der Ölfunde war in den 60er Jahren erreicht [CAMPBELL, 1995; BGR 1995]. Trotz intensivster Explorationsbemühungen nach den
beiden Ölkrisen werden die neuen Funde bis auf wenige Ausnahmen immer
geringer. Dies ist auch keineswegs erstaunlich, denn die Entstehungsgeschichte
von Öl ist mittlerweile sehr gut verstanden. Man weiß also, wo man suchen
muß und man weiß, wo es nichts zu finden gibt. Es ist auch einsichtig,
daß die großen Vorkommen bereits mit einfachen Methoden früher gefunden
wurden als die kleinen. Die Summenkurve aller bisher gefundenen Reserven
nähert sich längst asymptotisch einem Grenzwert. Betrug die Rate der jährlichen
Neufunde in den 60iger Jahren noch über 40 Gb/Jahr, so fiel sie auf heute
6 Gb/Jahr. In Jahren 1993-1997 wurde insgesamt nur etwa ein Fünftel dessen
gefunden, was in dieser Zeit an Öl verbraucht wurde (26 Gb gegenüber 105
Gbarrel). Trägt man die Rate im Auffinden neuer Ölfelder graphisch auf,
so kann man aus der Extrapolation dieser Kurve mit einiger Genauigkeit
auf die Ölmenge schließen, die vermutlich noch gefunden wird.
Was
ist also in aller Kürze der Stand des Wissens? Die unserer Meinung nach
verläßlichsten Zahlen stammen von Petroconsultants, Stand 1996 [CAMPBELL,
1998]:
bisherige
Förderung
784 Mrd. Barrel
bekannte
Reserven
836 Mrd. Barrel
was wahrscheinlich noch gefunden
wird
180 Mrd. Barrel Insgesamt auf der Welt förderbare
Ölmenge
1800 Mrd. Barrel
Diese
Zahlen zeigen, daß wir fast die Hälfte des Erdöls der Welt bereits gefördert
haben. Um das Jahr 2000 wird der sogenannte „mid-depletion point“ erreicht
sein, also der Zeitpunkt, zu dem die Hälfte des insgesamt förderbaren
Öls tatsächlich gefördert wurde. Irgendwann in den nächsten Jahren wird
die jährliche Rohölförderung, die 1996 bei ca. 23 Mrd. Barrel/Jahr lag,
beginnen zurückzugehen.
Für einige Gebiete der Welt sind die Förderraten über einen weiten Verlauf
bereits gut bekannt. In Deutschland war das Fördermaximum 1968 erreicht
[BGR, 1995]. Damals waren das 60 Mio. Barrel im Jahr. Heute werden
nur noch weniger als 20 Mio. Barrel/Jahr gefördert. Für die Nordsee wird
erwartet, daß das Fördermaximum in den nächsten zwei Jahren erreicht sein
wird [BLANCHARD, 1999]. Die heimischen europäischen Ölvorkommen
gehen sichtbar und absehbar zu Ende. Dies sei an den drei größten Förderländern
illustriert:
In den Jahren 1986 bis 1996 nahm die Ölproduktion Norwegens im Mittel
mit 10 % p.a. auf 3,3 Mio barrel pro Tag zu. Im vergangenen Jahr erfolgte
erstmals in der Geschichte ein Produktionsrückgang um über 4 % [BPAMOCO,
1999]. Der Produktionsrückgang wird aufgrund des niedrigen Ölpreises
von 1998 mit einem verzögerten Anschluß von neuen Feldern begründet. Nach
offiziellen Angaben des Ministeriums für Erdöl und Energie wird das Maximum
der Ölproduktion innerhalb der kommenden drei Jahre erwartet [MPE, 1998].
Der Staat bereitet sich auf Zeiten abnehmender Ölförderung dadurch vor,
daß die Produktionsaufnahme neuer Ölfelder verzögert wird – dadurch soll
Öl für spätere Zeiten aufgespart werden. Die meisten großen Ölfelder Norwegens
(z.B. Statfjord, Oseberg, Gullfaks) haben das Produktionsmaximum bereits
überschritten. Deren abnehmende Produktion muß durch den Anschluß vieler
kleinerer Felder ausgeglichen werden. Das kann aber nur für kurze Zeit
aufrechterhalten werden.
Dies trifft auch auf die Ölförderung Großbritanniens zu. Im Jahr 1998
konnte die Gesamtproduktion zwar noch einmal um 3,6 % erhöht werden. Dafür
mußten aber 17 neue Felder angeschlossen werden. [BPAMOCO, 1999b] Auch hier haben die großen Ölfelder (z.B. Forties, Brent, Ninian, Beryl, Piper)
das Produktionsmaximum bereits hinter sich. Während diese großen Felder
seit teilweise 20 Jahren produzieren, müssen neue kleine Felder manchmal
nach nur zwei oder drei produktiven Jahren wieder aufgegeben werden (z.B.
Medwin oder Staffa). Stärker noch als in Norwegen besteht eine Dynamik,
jährlich immer mehr neue Felder anzuschließen. Das kann nur für kurze
Zeit gelingen. So veröffentlichte der Verband der britischen off-shore
Anlagenbetreiber bereits 1995 Prognosen, wonach um das Jahr 2000 die Ölproduktion
und nur einige Jahre später auch die Gasproduktion ihr Maximum erreichen
würden.[UKOOA, 1995; FINLAYSON, 1999]
In
den USA war das Produktionsmaximum im Jahr 1971 erreicht. Texas, einst
der Inbegriff eines Ölstaates, hatte sein Produktionsmaximum nur wenige
Jahre später und befindet sich heute auf einem Produktionsniveau wie in
den 40iger Jahren [RRC, 1999]. Seit mehr als 20 Jahren ist hier die Produktion rückläufig. Anfang der 80iger
Jahre konnte der allgemeine Rückgang durch die Ölförderung Alaskas, insbesondere
durch das mit Abstand größte Feld, Prudhoe Bay gebremst werden – doch
in den letzten Jahren geht auch hier die Produktion deutlich zurück. Die
letzten Jahre brachten gegenüber dem jeweiligen Vorjahr einen Produktionsrückgang
um 4 %, 4 %, 7 %, 9 % [AOGCC, 1999].
Neufunde in Alaska können die Erschöpfung der großen Felder nicht kompensieren.
Einzig die offshore Provinzen im Golf von Mexiko zeigen noch eine steigende
Produktion, doch diese kann den Rückgang in den großen Ölprovinzen nicht
kompensieren. Seit nunmehr fast 20 Jahren nimmt die Ölproduktion der USA
mit kleinen Schwankungen stetig ab – der stark zunehmende Import von Öl
muß den immer noch steigenden Ölverbrauch zunehmends abdecken. So hat
sich die Importquote der USA in den letzten 10 Jahren von 30 % auf jetzt
deutlich über 50% erhöht [EIA, 1999].
Manchmal
wird angeführt, die USA drosselten ihre Produktion bewußt, um in Zeiten
künftiger Ölkrisen die eigene Versorgung sichern zu können. Derartige
Behauptungen lassen sich jedoch kaum mit realen Beobachtungen untermauern.
In einem Land wie den USA mit einer großen Anzahl konkurrierender kleiner
und großer Ölgesellschaften könnte eine solche Absprache schwerlich durchgesetzt
werden, abgesehen davon, daß man sie wohl kaum geheim halten könnte. (Bereits
in einem Staat wie Norwegen mit nur wenigen Produzenten stößt der staatliche
Versuch einer Produktionsverzögerung auf heftigen Widerspruch der Produzenten).
Allein in Texas wird das Öl mit mehr als 160000 Fördersonden gefördert.
Würde man in einer solchen Situation versuchen, aus noch so kleinen Ölquellen
(teilweise mit weniger als zehn Barrel pro Tag Förderrate) den letzten
Tropfen Öl zu extrahieren? Würde der, der seine Reserven für schlechte
Zeiten aufsparen will, mit modernen und teuren sog. „enhanced oil recovery“
Methoden, versuchen, die Produktion zu steigern? Sollte eine solche Strategie
nicht auch eine starke Korrelation der Produktion mit dem Ölpreis aufweisen?

Bild
3: Ölproduktion in den USA
Trügerisches Wachstum der Grenzen
Oft
wird die statische Reichweite („wieviele Jahr reicht das noch vorhandene
Öl bei heutigem Verbrauch“) als beruhigender Begriff für die großen Ölreserven
angeführt. Das Konzept an sich ist jedoch aus einer Reihe von Gründen
eher irreführend. Zum einen, und das haben wir schon ausgeführt, verläuft
die Förderung über die Zeit nicht auf einem konstanten Niveau, um dann
plötzlich abzubrechen, wenn alles verbraucht ist, sondern der Verlauf
folgt einer Glockenkurve. Zum zweiten wird im Konzept der statischen Reichweite
ein konstanter Verbrauch unterstellt. Bezogen auf den Weltverbrauch von
Öl haben wir es aber noch mit einem deutlichen Wachstum zu tun. Insofern
überschätzen die statischen Reichweiten die zeitliche Verfügbarkeit.
Nach
dem Überschreiten des „mid-depletion point“ eines Fördergebietes, also
des Produktionsmaximums, wird der Begriff der statischen Reichweite zunehmend
irreführend, da dann trotz reduzierter Reserven bei abnehmender Produktion
die Reichweite wieder zunimmt und ein Wachstum der Reserven vortäuscht.
Gerne wird auch suggeriert, daß man die Reserven durch technologische
Maßnahmen strecken könne. Das ist natürlich prinzipiell richtig, wird
jedoch in seiner Wirkung deutlich überschätzt. So wird zum Beispiel die
Ausbeutung vorhandener Ölfelder durch technische Maßnahmen ein bißchen
vergrößert, dies aber mit erheblichem finanziellem und technischem Aufwand.
Der Haupteffekt besteht darin, daß die vorhandenen Reserven noch schneller
erschöpft werden. Auch hier wieder das Beispiel Deutschland: Der Einsatz
aller modernen Fördertechnologien hat den Gesamtverlauf der Förderung
kaum verändert. Auch in den USA kann der intensive Einsatz neuer Fördermethoden
den Rückgang der Produktion nicht bremsen. Auch noch so große technische
Anstrengungen können nicht das Vorhandensein von Reserven ersetzen. Technologie
und Reserven haben zunächst einmal nichts miteinander zu tun!
Das Ausweiten der Explorationstätigkeiten in immer tiefere Meeresregionen
und polare Gebiete ist Ausdruck einer „Go West“-Mentalität, wie sie insbesondere
in Teilen der Ölindustrie noch verbreitet ist. Vielleicht ist es kein
Zufall, daß gerade in Kalifornien die Protagonisten eines Umdenkens in
der Energiepolitik sitzen, in Kalifornien - dem Endpunkt des historischen
„Go West“. Weltweit gibt es, geologisch gesehen, an der Ölfront keinen
neuen „Westen“ mehr zu entdecken. Aber an diesen Gedanken kann sich die
Menschheit noch nicht gewöhnen.
Exploration im tiefen off-shore Bereich gehört zum technisch anspruchsvollsten
Bereich des Ölgeschäfts. Daß man hierher vordringt, kann zunächst als
ein Eingeständnis gewertet werden, daß man in leichter zugänglichen Gebieten
nicht mehr genügend Öl findet. Denn sonst würde man viel lieber dorthin
gehen. Und wie sieht die Erfolgsbilanz aus? Bisher wurden in mehr als
20 Jahren in den beiden ergiebigsten off-shore Gebieten Golf von Mexiko
und Brasilianische Küste 25 Gb an Öl gefunden – ausreichend um die Welt
etwa für ein Jahr zu versorgen [CAMPBELL, 1999].
„Conventional oil“ ist Öl, das in flüssiger Form über Bohrtürme gewonnen
werden kann. Daneben gibt es Schweröle, die andere Förder- und anschließend
andere Verarbeitungstechniken erfordern, und es gibt Öl, das in der Natur
in Ölsanden oder in Ölschiefer gebunden ist. Diese Vorkommen werden auch
als „non-conventional oil“ bezeichnet und sind in der Tat sehr groß. Viele
Betrachtungen bezüglich der künftigen Verfügbarkeit von Erdöl unterscheiden
nicht sehr scharf zwischen „conventional“ und „non-conventional oil“.
Dahinter steht die Vorstellung, daß es sich eigentlich nur um einen technologischen
Unterschied bei der Förderung handelt und daß bei entsprechenden ökonomischen
Randbedingungen und entsprechenden Preisen ein gleitender Übergang erfolgen
kann von der Förderung und Versorgung mit „conventional oil“ zu einer
Gewinnung und Versorgung mit „non-conventional oil“.
Es ist
wenig wahrscheinlich, daß dem so ist. Während beim konventionellen Öl
das Feld nur „angestochen“ wird und mit wenigen stationären Förderanlagen
der gesamte förderbare Inhalt gewonnen werden kann, muß beim nicht konventionellen
Öl der gesamte Teersand, Ölschiefer etc. bewegt, gewaschen, ausgepreßt
werden. Das ist eher dem Abbau von Braunkohle im Tagebau vergleichbar
als der konventionellen Ölförderung. So beinhalten 85 % der geschätzten
nichtkonventionellen Ölressourcen Erdölkonzentrationen von weniger als
40 Liter pro m³ [BGR, 1995]. Es liegt auf der Hand, daß sich hier sehr schnell eine Kollision mit Belangen
des Natur- und Landschaftsschutzes ergeben wird. Hinzu kommen energetische
Mehraufwendungen bei der Förderung, die die nutzbare Energieausbeute erheblich
einschränken sowie enorme Emissionen bei der Aufbereitung.
Das Fazit: Die Ölstaaten außerhalb der OPEC werden bis auf unbedeutende
Ausnahmen innerhalb weniger Jahre ihr Fördermaximum erreichen. Der Importanteil
dieser Länder, dies sind im wesentlichen die heutigen Industrieländer,
wird damit in dramatischer Weise von wenigen Lieferanten abhängen. Und
selbst innerhalb der OPEC wird das Produktionsmaximum vermutlich im Verlauf
des nächsten Jahrzehnts erreicht werden.
Und die
Alternativen Gas, Kohle und Kernenergie
Wenn die Ölförderung ihr Maximum überschreitet, entsteht eine zunehmende
Lücke zwischen Energienachfrage und Energieversorgung, die nach Deckung
ruft.
Zunächst scheint es naheliegend, einfach zum dann nächstgünstigen Energieträger
überzuwechseln. Genau das haben wir weltweit in den letzten Jahren ja
mit der verstärkten Nutzung von Erdgas bereits gemacht. Jedoch kann ein
solcher Übergang allenfalls eine kurze Verschnaufpause gewähren, er bringt
uns einer langfristig tragfähigen Energieversorgung nicht näher. Sicher
wird die zu beobachtende Entwicklung, Gas als relativ sauberen und leicht
zu handhabenden Energieträger in möglichst viele Anwendungen zu bringen,
sich noch einige Zeit fortsetzen. Doch es ist klar absehbar, daß, je mehr
man versuchen wird, Erdöl durch Erdgas zu ersetzen, sich dies in sehr
kurzer Zeit als nicht realisierbar herausstellen wird.
Gemäß offiziellen
Statistiken hat Erdgas bei heutigem Verbrauch, der etwa halb so groß wie
beim Erdöl ist, eine Reichweite von 65 Jahren [BPAMOCO, 1999].
Jedoch ist es noch wesentlich schwieriger als beim Erdöl, sich ein klares
Bild zu verschaffen. Da der Aufbau einer Erdgasinfrastruktur aber sehr
kostspielig ist (Pipelines bzw. Verflüssigung), entstanden anders als
beim Erdöl regional vollständig entkoppelte Märkte in Nordamerika (USA,
Kanada, Mexiko) und in Europa. In Nordamerika gehen die Reserven stetig
zurück. Die Neubewertungen vorhandener Gasfelder und Neufunde können den
Verbrauchsanstieg nicht kompensieren. Vermutlich wird auch die Produktion
dort im Verlauf der nächsten Jahre zurückgehen. Auch in Europa gibt es
Anzeichen, daß die Gasproduktion der Niederlande und im britischen offshore-Bereich
bald ihr Maximum erreichen werden [UKOOA, 1995]
Große Hoffnungen werden auf nichtkonventionelle Gasvorräte gesetzt, insbesondere
Methanhydrat. Heute ist jedoch keineswegs klar, ob sich diese Euphorie
auch in technisch, ökonomisch und ökologisch erschließbare Reserven niederschlagen
wird. Hier ist Skepsis angebracht.
Neben allen anderen Problemen der Kernkraft haben wir auch hier eine
begrenzte Verfügbarkeit der natürlichen Ressource Uran. Gängige Zahlen
besagen, daß der heutige Kraftwerkspark auf der Welt mit den bekannten
Uranvorkommen noch etwa 40 - 50 Jahre, in optimistischen Abschätzungen
80 Jahre [OECD, 1998], betrieben werden kann. Heute hat Kernkraft einen
Anteil von weit unter 10 % am Primärenergieverbrauch der Welt. Wollte
man diesen Anteil auf etwa 20 % steigern - was längst noch nicht reicht,
um das ausfallende Erdöl zu ersetzen -, so würde sich die Reichweite des
Rohstoffes Uran auf 20 Jahre oder weniger verkürzen - keine sehr überzeugende
Perspektive.
Die
Kernkraft bietet keinen gangbaren Ausweg aus dem Dilemma. Die Vorstellung,
über die Nutzung der Kernkraft unseren bisherigen Lebensstil in den industrialisierten
Ländern unverändert fortsetzen zu können, ist daher eine Illusion. Die
verbleibenden 20 Jahre in unserem Beispiel reichen noch nicht einmal aus,
die Wirtschaftlichkeit der dann neu zu bauenden Reaktoren sicherzustellen.
Es funktioniert also weder von den Ressourcen her, noch ökologisch, noch
ökonomisch. Wir meinen, daß die Visionäre der Kernkraft das Ressourcenproblem
vor einigen Jahrzehnten genauso gesehen haben und die Brütertechnologie
als eine Voraussetzung für eine bedeutende und langfristige Rolle der
Kernkraft verstanden haben. An die schnellen Brüter aber glaubt heute
niemand mehr. Schon damit ist das Urteil gesprochen, selbst wenn man davon
absieht, daß es ja schon einiger Unverfrorenheit bedarf, für ein Schließen
der Energielücke für wenige Jahrzehnte die Nachkommen über Jahrtausende
mit den Folgen zu belasten.
Liegt also die Zukunft der fossilen Energien bei der Kohle? Die Nutzung
fossiler Energien durch den Menschen begann mit ihr. Trotzdem sind die
Kohlevorräte immer noch größer als die aller anderen fossilen Energieträger
und reichen bei heutigem Verbrauch in der Tat noch für 200 bis 300 Jahre.
Da gerade die oberflächennahen Vorkommen relativ billig erschlossen werden
können, ist hier sicherlich die zukünftige Förderung in den nächsten 50
Jahren eher von Umweltaspekten geprägt als von der Begrenztheit der Ressourcen.
Der
Weltkohleverbrauch nahm 1998 um 2,4 % ab. In China ging der Kohleeinsatz
seit 1996 sogar um 10 % zurück. Erstmals seit sechs Jahren gingen 1998
die weltweiten CO2 Emissionen zurück [BPAMOCO, 1999]. Das World Watch Institut wertet dies bereits als
eine Trendwende in der Klimadebatte, da es auf eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum
und Energieverbrauch hinweist.
Wir stehen erst am Anfang
Eine langfristig verträgliche Energieversorgung kann nicht über Energieträger
erfolgen, die einem begrenzten Vorrat entnommen werden, sondern muß auf
der Umwandlung von Solarenergie erfolgen. Dies mag die direkte Umwandlung
in Strom und Wärme sein, oder die indirekte Nutzung über Windenergiekonverter,
Wasserkraft, Biomasse etc. In Zukunft wie heute wird es ein großes Spektrum
von Wandlungstechnologien geben, die dem jeweiligen Kontext angepaßt sind.
Heute brauchen wir uns eigentlich nicht darum zu sorgen, welchen Anteil
welche Technologie im x Jahren haben wird. Es genügt zu wissen, daß große
Potentiale vorhanden sind. Wie weit diese dann tatsächlich ausgeschöpft
werden, wird die Weiterentwicklung der einzelnen Technologien und deren
Kosten im Verhältnis zu Konkurrenztechnologien zeigen. Heute ist es vorrangig,
mit einer ernsthaften Markteinführung zu beginnen. Erst dann werden wir
die realisierbaren Potentiale erkennen.
Daß die Potentiale
groß sind, zeigen bereits einfache Überlegungen: Im globalen Mittel erreicht
die von der Sonne auf die Erdoberfläche gestrahlte Energie eine Leistungsdichte
von ca. 200 W/m² . Auf die gesamte Erdoberfläche strahlt damit etwa zehntausend
mal soviel Sonnenenergie wie die Menschheit heute verbraucht. Wollte man
den gesamten Endenergieverbrauch des Jahres 1998 mit Solarenergie bei
5 % Gesamtwirkungsgrad decken - dieser niedrige Wirkungsgrad soll alle
Verluste über Erzeugung, Speicherung und Transport berücksichtigen - ,
so müßte in äquatornahen Gegenden mit 2000 kWh/m² jährlicher Einstrahlung
eine Fläche mit einer Kantenlänge von etwa 900 km mit Solarabsorbern überdeckt
werden. Dieses Beispiel soll nur die Größenordnung illustrieren. Natürlich
würde man versuchen, einen großen Teil der Energie dezentral im Verbraucherland
mit dann wesentlich höherem Gesamtwirkungsgrad zu erzeugen. Natürlich
würden viele Solarabsorber über ohnehin bebauten Flächen installiert werden.
Natürlich wird der tatsächliche Flächenbedarf durch die Nutzung von Biomasse,
Wasserkraft, Windenergie, Geothermie deutlich reduziert.
Die Firma Shell veröffentlichte bereits 1994 ein Weltenergieszenario,
in dem der Anteil der Erneuerbaren Energieträger bis 2050 auf einem Niveau
für möglich gehalten wird, der dem heutigen Primärenergiebedarf entspricht
[KASSLER, 1994]. Für die Europäische Gemeinschaft wurde in einem konkreten
Szenario nachgewiesen, wie der Übergang von der heutigen Energieversorgung
auf eine vollkommen emissionsfreie Energieversorgung innerhalb von zwei
Generationen erreicht werden kann. Grundlage dieses Szenarios ist, daß
der Energiebedarf durch verbesserte Technologien auf etwa die Hälfte gesenkt
werden kann [TERES, 1994].
Daß die vollkommene Umstellung der Energieversorgung auf emissionsfreie
Energieträger möglich ist, ist inzwischen unstrittig, allenfalls die Zeithorizonte
und die finanziellen Aufwendungen können noch diskutiert werden. Daß der
heute hohe spezifische Energieverbrauch in den Industrieländern mit bis
zu 20 kW pro Einwohner (z.B. die Vereinigten Arabischen Emirate oder Luxemburg)
auf ein vernünftiges Maß reduziert werden muß und auch ohne Einbuße an
Lebensqualität reduziert werden kann, dürfte ebenfalls unstrittig sein
[DÜRR, 1996].
Die neuen Technologien
In den Industrieländern
haben wir heute eine weitgehend zentrale Struktur der Energiewirtschaft.
Diese ist historisch entstanden. Alte Kraftwerksturbinen hatten einen
umso höheren Stromerzeugungswirkungsgrad und geringere Kosten pro erzeugtem
Strom je größer das Kraftwerk war. In einem Flächenland, wie die meisten
Entwicklungsländer es sind, ist dies aufgrund der hohen Infrastrukturkosten
ökonomisch nicht mehr durchführbar.
Eine Umstrukturierung der Energiewirtschaft zu dezentralen Strukturen
ist notwendig. Hierzu benötigte Technologien sind vielfältig. Unseres
Erachtens ist der Raumwärmebedarf fast vollständig durch technologische
und bauliche Maßnahmen ersetzbar. Zwei im folgenden beschriebene Technologien
können einen bedeutenden Beitrag zur Stromerzeugung liefern: Die Solarzelle
und die Brennstoffzelle. Im Unterschied zur Verbrennungskraftmaschine
sind Materialaufwand, Wirkungsgrad und Kosten weitgehend unabhängig von
der Größe. Daher werden sie in einer dezentralen regenerativen Energiewirtschaft
eine wichtige Aufgabe übernehmen. Beide Technologien haben ihre technologische
Eignung bereits bewiesen. Daß heutige Kosten noch relativ hoch sind, darf
nicht über ihre Möglichkeit in einem Massenmarkt hinwegtäuschen. Ähnlich
wie erste Computer oder Funkgeräte im Vergleich zum heutigen PC oder Handy
wie unerschwingliche Fossile wirken, wird der beginnende Markt beide Technologien
rasant verbessern und verbilligen.
Kostete ein Photovoltaiksystem vor 10 Jahren noch um 35.000 DM pro kW
Anlagengröße, so hat sich dieser Preis bis heute auf ein Drittel reduziert.
Damit liegt man in Mitteleuropa etwa um den Faktor drei bis vier über
den Stromkosten privater Haushalte. Gegenwärtig wächst der Weltmarkt trotz
nur in bestimmten Anwendungsfällen bereits heute konkurrenzfähigen Kosten
um 20 – 30 % pro Jahr. Weltweit ist etwa 1 GW an Leistung installiert
– dies entspricht der Kapazität eines Kernkraftwerkes [ZITAT1,
1999]. Das globale Marktvolumen betrug
1998 bereits 1 Mrd DM.
Herrschte lange Zeit nur ein mäßiges Interesse von großen Firmen an der
Photovoltaik, so entdecken seit einigen Jahren die großen Ölkonzerne wie
Shell und BP diese Technologie für ein künftiges Geschäftsfeld. Shell
hat hierzu vor einem Jahr den fünften Geschäftsbereich Shell International
Renewables eingerichtet. Innerhalb weniger Jahre soll dieser mit großem
finanziellen Aufwand ausgebaut werden. Man strebt an, bis zum Jahr 2010
einen Anteil von 10 % am Weltmarkt zu erreichen. In ähnlicher Weise wurde
BP über den Zusammenschluß mit Amoco zum weltgrößten Anbieter von Photovoltaikprodukten.
Auch hier beginnt man, ernsthaft in die neuen Technologien zu investieren.
Und mit jedem Sprung in größere Produktionsanlagen werden die Kosten sinken
und damit die Attraktivität steigen.
Ebenfalls seit über zehn Jahren erreicht der Windenergiemarkt deutliche
Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich [ZITAT2, 1999]. Weltweit
sind bereits mehr als 11 GW Erzeugungskapazität installiert – dies entspricht
der Stromerzeugung von etwa drei Kernkraftwerken. Gegenüber 1997 ein
Zuwachs um 50 %. Das Marktvolumen betrug 1998 fast 4 Mrd DM; allein in
Deutschland waren es mehr als 1 Mrd DM. Auch hier sind Mineralölkonzerne
wie Shell oder der amerikanische Konzern ENRON vertreten.
Brennstoffzellen bilden eine weitere wichtige Komponente im Übergang
zu einer dezentralen auf Erneuerbaren Energien beruhenden Energieversorgung.
Auf elektrochemischem Weg wird mit hohem Wirkungsgrad Strom aus Wasserstoff
oder einem anderen geeigneten Gas erzeugt. Die Markteinführung von kleinen
Systemen für die Hausenergieversorgung wird heute vorbereitet. Im Fahrzeugbereich
rechnet man in etwa 5 Jahren mit dem kommerziellen Einsatz.
Wie gehen die verschiedenen Akteure damit um ?
Sowohl Öffentlichkeit als auch Politik sehen die drei Themen Klimaproblematik,
Neue Energietechnologien und Resourcenproblem weitgehend isoliert voneinander.
Wird eine Verbindung der Emissionsproblematik mit dem Erstarken regenerativer
Energietechnologien noch eher gesehen, so wird ein Zusammenhang mit einer
beginnenden Resourcenproblematik bei fossilen Energieträgern eher nicht
wahrgenommen.
Unseres Erachtens beeinflussen sich jedoch alle drei Themenbereiche gegenseitig.
Dieser größere Kontext wird am ehesten von den industriellen Akteuren,
nämlich den betroffenen Mineralölkonzernen selbst wahrgenommen.
Offiziell wird ein Resourcenproblem durch Vertreter der Minerlaölindustrie
vehement geleugnet. Nur vereinzelt äußern sich exponierte Vertreter in
diese Richtung. So konstatierte der ehemalige Vorstand des italienischen
Ölkonzerns ENI, Bernabe, 1998 in einem Interview mit der Zeitschrift Forbes,
daß er das Maximum der weltweiten Ölproduktion um das Jahr 2005 erwarte
[BERNABE, 1998]. Auch der Vorstand der deutschen Shell , Fritz Vahrenholt, äußert sich
inzwischen öffentlich über ein baldiges Maximum der Rohölproduktion [VAHRENHOLT,
1999].
Uns erscheint es jedenfalls nicht als Zufall, daß Konzerne wie BPAmoco
und Shell aus der Einheitsfront der Öl- und Automobilkonzerne ausscherten,
und im Gegensatz zu ihrer Lobbyvertretung, der Global Climate Coalition,
im Treibhauseffekt ein ernstzunehmendes Problem sehen, dem man eine Lösung
entgegensetzen muß. Fast zeitgleich mit den ersten Äußerungen dieser Einsicht
wurde das Engagement dieser Firmen in neue Energietechnologien manifest.
Neben Solarenergie, Windenergie und Biomasse wird dort auch das Thema
Wasserstoff als Kraftstoff zunehmend aufgegriffen.
Vor dem skizzierten
Hintergrund erscheint uns dieser Wechsel der Konzerne plausibel und naheliegend.
Es überrascht uns nicht, daß sowohl Shell als auch BPAmoco beginnen, ihr
Engagement im konventionellen Ölgeschäft zu reduzieren. Beide zogen sich
dieses Jahr aus dem kanadischen Ölgeschäft zurück. Es überrascht uns ebenfalls
nicht, daß eben nicht in Kernenergie als vielversprechende Energieoption
investiert wird, sondern gleich in Erneuerbare. Daß das Engagement im
Erdgassektor ausgebaut wird, ist durchaus stimmig, da sich hier für einige
Jahrzehnte noch ein lukratives Geschäftsfeld aufbauen läßt, dessen Investitionen
sich bereits innerhalb weniger Jahre amortisieren.
Die Politik kann sich dieser Sichtweise bisher nur schwer anschließen.
Das Department of Energy in den USA beispielsweise sieht in seinen Energieprognosen
eine deutlich wachsende Ölproduktion auch außerhalb der OPEC [EIA,
1999b]. Begründet wird dies mit großen Erwartungen auf die
verbesserte Ausbeutung vorhandener Ölfelder, auf große Neufunde im offshore-Bereich
und letztlich auf die Erschließung nichtkonventioneller Öl- und Gasresourcen.
Auch in der deutschen Politik wird das Problem begrenzter Erdölresourcen
offensichtlich überhaupt nicht wahrgenommen.
Anders in Norwegen: Dort wird offen über ein nahendes Produktionsmaximum
diskutiert. Die veröffentlichten Angaben zeigen, daß man sich in der Bewertung
der Erfolge der neuen Fördertechnologien geirrt hat. Reservenabschätzungen
werden dort von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert [MPE, 1998].
Aber auch auf internationaler Bühne werden von der Internationalen Energieagentur
alte Energieprognosen vorsichtig korrigiert. In dem 1998 veröffentlichten
„International Energy Outlook 2020“ wird ein deutlich steigender Energie-
und Ölbedarf prognostiziert [IEA, 1998].
Jedoch wird die zunehmende Abhängigkeit in der Ölproduktion von wenigen
OPEC-Staaten deutlich wahrgenommen. Darüber hinaus werden bis 2020 fast
20 % des benötigten Öls aus sogenannten „non identified unconventional
oil resources“ gedeckt. Um die Unsicherheit zu unterstreichen, wird dieser
Anteil neben identifzierten unkonventionellen Ölressourcen als „balancing
item“ eingeführt. Mit anderen Worten: Man hat keine Vorstellung, woher
dieses Öl kommen soll.
Es ist schwer vorstellbar, daß die zunehmende Marktmacht des Nahen Ostens
keinen großen Einfluß auf den Ölpreis haben soll. Als ein Vorspiel mag
man die großen Preisfluktuationen der Jahre 1998/99 werten. Die Drosselung
der Ölförderung der OPEC um etwa 10 % konnte den Ölpreis mehr als verdoppeln.
Diese große Nervosität der Märkte auf kleine Angebotsschwankungen sollte
einem verdächtig verdächtig. Es ist offensichtlich, daß solche Förderfluktuationen
nicht mehr lange durch Nicht-OPEC-Staaten ausgeglichen werden können.
Dann würden die OPEC-Staaten gegen ihre eigenen Interessen handeln, wenn
sie diese Situation nicht ausnutzen würden.
Am stärksten von diesen Umwälzungen sind die Produzenten von Gütern betroffen,
die mit Erdöl betrieben werden. Vor allem für die Automobil- und die Flugzeugindustrie
sind diese Abhängigkeiten existentiell. In der Automobilindustrie beginnt
man das Problem ernst zunehmen. So äußerte sich der Vorstand von Honda,
Hiroyuki Yoshino: „We are now facing a global energy crisis. I know you
´ve heard this before, but this time it´s for real!“ [SCHREFFLER,
1998]
Weltweit arbeitet man an der Entwicklung neuer Antriebssysteme, die eine
Abkehr vom Mineralöl ermöglichen. Dies ist in der Automobilindustrie einmalig,
nachdem über hundert Jahre keine ernsthafte Alternative zum Verbrennungsmotor
erprobt wurde. Die Flugzeugindustrie scheint das Problem allerdings noch
viel zu wenig zu beachten. Dies ist umso verwunderlicher, da aufgrund
der hohen Sicherheitsanforderungen lange Vorlaufzeiten bis zur Einführung
neuer Technologien bestehen.
Ausblick
Die nächsten Jahre bis zum Erreichen des weltweiten Fördermaximums wird
es wahrscheinlich noch eine Serie von heftigen Preisausschlägen nach oben
und nach unten geben. Erst nach dem Überschreiten des Fördermaximums wird
die Instabilität der Ölpreise wohl beendet sein. Der Markt spiegelt dann
die langfristigen Knappheiten wider. Das Ölpreis-Niveau wird deutlich
höher sein als heute. Damit entsteht für Verbraucher und Investoren ein
langfristiges Signal, und man wird versuchen, Öl systematisch durch andere
Energieträger zu ersetzen. Wie schnell diese Anpassungsprozesse sein werden,
und welchen Effekt sie auf das Preisniveau haben werden, ist im Detail
nicht vorherzusagen. Wir glauben, daß die Einsparpotentiale sehr viel
größer sind als man gemeinhin annimmt. Langfristig wird Öl als Energieträger
immer weniger wichtig werden.
Es ist
ganz wichtig, daß die Endlichkeit des Öls als ein aktuelles Problem wahrgenommen
wird und nicht als eines, das man erst in einigen Jahrzehnten ernsthaft
angehen muß. Erst dann kommt in die Köpfe, daß wir mit einem grundlegenden
Umbau unserer Energieversorgung jetzt beginnen müssen, schnell beginnnen
müssen, und daß es dazu keine Alternativen gibt.
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