Verteilungsgerechtigkeit
Ludwig Bölkow 2001
Neben der Tatsache, daß uns eines Tages das Erdöl - genau wie die anderen fossilen Energieträger - für unsere Energieversorgung nicht mehr zur Verfügung stehen wird, gibt es einen moralischen Aspekt unter dem unser heutiges Handeln zu hinterfragen ist.
Beim Verbrauch einer endlichen Ressource stellt sich die Frage ihrer gerechten Nutzung: der gerechten Verteilung in Hinblick auf die gerade lebenden Menschen wie auch auf künftige Generationen.
Wir wissen, dass es um die Verteilungsgerechtigkeit beim Öl ganz schlecht bestellt ist: Heute nutzen ungefähr dreissig Prozent der Menschen (die Bevölkerung der industrialisierten Länder) achzig Prozent des geförderten Öls. Wir beruhigen uns gern mit dem Gedanken, daß dies zwar bedauerlich, aber im Augenblick unvermeidlich und überhaupt nur vorübergehend sei. Mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung der Entwicklungs- und Schwellenländer (die wir selbstverständlich für wünschenswert und machbar halten) lassen sich die Dinge dann in Zukunft immer mehr angleichen. Nur leider: So ist es mit Sicherheit genau nicht! Dummerweise ist fast die Hälfte des Erdöls schon verbraucht.
Wenn wir also (erst einmal unabhängig von ökonomischen Verteilungsmechanismen) ab morgen eine gerechte, die Ungleichheiten der Vergangenheit korrigierende Verteilung vornehmen wollten, so könnte jeder der bisherigen "Habenichtse" höchstens mit einem Viertel dessen bedacht werden, was die Reichen sich in der Vergangenheit genehmigt haben - mehr ist einfach nicht da.
Die Schieflage in Bezug auf die Verteilungsgerechtigkeit kann prinzipiell nie mehr ausgeglichen oder geheilt werden. Wo ist die moralische Rechtfertigung dafür? Letztlich heißt das, dass unser Modell für die Entwicklung der Entwicklungsländer eine Farce ist: Nie und nimmer kann es das Ziel sein, den Lebensstil der Industrieländer auf die gesamte Welt zu übertragen. Das ist, wie wir am Beispiel Öl zeigen, schlicht nicht möglich.
Die Meinung, die nichtindustrialisierten Länder brauchten nur endlich so "tüchtig" zu werden wie wir, und dann würde es schon gerecht zugehen, entbehrt jeder Grundlage. Erst wenn wir verinnerlicht haben, daß wir uns bis heute auf Basis des "Verzichtes" der Entwicklungsländer ein angenehmes Leben leisten, werden wir offen sein, hier ein Problem zu akzeptieren.
Noch drastischer ist die Benachteiligung in Bezug auf künftige Generationen. So nutzen heute einige wenige Generationen die in Jahrmillionen angesammelten Bodenschätze. Mit welchem Recht beuten wir heute die nicht erneuerbaren Vorräte der Erde aus? Die Rechtfertigung kann sicher nicht über die Berufung auf den "Markt" erfolgen. Der Markt spiegelt keine langfristigen Knappheiten, allein schon deswegen nicht, weil künftige Generationen nicht ihre Preisgebote auf dem Markt für Öl abgeben können - vielleicht wären sie bereit, mehr zu bezahlen als wir...
Sie werden, so wie die Dinge stehen, aus den fossilen Energien nur noch wenig Nutzen ziehen können, und müssen trotzdem die Folgen unserer Lebensweise tragen. Diese Problematik der Verteilungsgerechtigkeit wird heute am Beispiel des Erdöls konkret erlebbar, gilt aber in zeitlich nur geringfügig geändertem Rahmen ebenso für Erdgas, Kohle und nukleare Brennstoffe. |