Einführung - Energieträger Erdöl
Ludwig-Bölkow-Systemtechnik 1999/2007
Die Reichweite von Erdöl ist die kürzeste aller fossilen Energieträger. Gleichzeitig besteht eine große Abhängigkeit unserer Gesellschaft und der Industrie von der Verfügbarkeit von billigem Rohöl.
Mit der Frage, wie groß die weltweiten Erdölvorräte insgesamt sind und wie lange das Öl noch reichen wird, hat man sich lange nicht ernsthaft beschäftigt. Erste fundierte Schätzungen stammen von dem amerikanischen Geologen M. King Hubbert. Er hat als erster auf die Tatsache hingewiesen, daß die Ausbeutung jeder Ölregion dem Verlauf einer Glockenkurve folgt: Die Förderung steigt über die Jahre an, erreicht ihr Maximum, wenn etwa die Hälfte des Öls gefördert ist, und sinkt danach kontinuierlich wieder ab.
Die wesentliche Leistung von Hubbert bestand darin, daß er den Blick auf die Frage gelenkt hat, wann die Fördermenge in einem bestimmten Fördergebiet oder auch weltweit ihr Maximum erreicht - diese Frage ist wesentlich interessanter als die Frage nach der Reichweite des verbleibenden Öls, da ab diesem Punkt das Angebot die Nachfrage nicht mehr vollständig befriedigen kann.
Hubbert hat im Jahr 1956 vorausgesagt, daß die amerikanische Ölförderung um das Jahr 1970 ihr Maximum erreichen werde. Für diese Prognose wurde er damals viel verlacht, doch tatsächlich hat er genau Recht behalten.
Im Jahr 1974 prognostizierte er aus der Kenntnis des Rückgangs der Neufunde und unter Fortschreibung bestehender Verbrauchstrends, daß das weltweite Produktionsmaximum etwa gegen Ende des Jahrhunderts erreicht sein werde.
Auch der im Jahr 1980 veröffentlichte Bericht "Global 2000" im Auftrag des amerikanischen Präsidenten, J. Carter, kam zu der Erkenntnis, daß die Erfolgsquote im Auffinden neuer Ölfelder zurückgehe und das Produktionsmaximum wohl um die Jahrhundertwende sein werde.
Aus heutiger Perspektive lagen beide Abschätzungen über die verfügbaren Ölmengen eher auf der optimistischen Seite - allein der nicht so starke Verbrauchszuwachs verhinderte bisher das Überschreiten des Produktionsmaximums.

Bild: Weltölproduktion nach Campbell, Alle wichtigen Förderregionen außerhalb des Nahen Ostens haben das Produktionsmaximum bereits überschritten. Aber auch dort kann die andernorts rückläufige Ölproduktion nicht vollständig ausgeglichen werden, so daß schon bald die weltweite Erdölproduktion zurückgehen wird.
Das Zahlenmaterial stammt von Petroconsultants in Genf, die seit über vierzig Jahren Daten über Erdölfelder sammeln. Die Kurven basieren auf der Auswertung von Daten von mehr als zehntausend Ölfeldern. Weltweit sind heute etwa 42000 Ölfelder bekannt, doch bereits in einem Prozent der Felder sind 75 Prozent des Erdöls enthalten.
Das Fördermaximum markiert gleichzeitig den Punkt, an dem die Hälfte allen verfügbaren Erdöls verbraucht ist. Das Überschreiten dieses Maximums hat aber eine noch weit größere Bedeutung: Ab diesem Punkt kann die Erdölförderung nicht weiter steigen und das Halten des Förderniveaus ist nur mit großem technischem Aufwand für eine gewisse Zeitspanne möglich. Der Weltmarkt wird auf diese Situation mit steigenden Preisen reagieren, zumal die Nachfrage weiter steigen wird.
Interessant sind an dieser Stelle ein paar Bemerkungen zu den Ölvorkommen in der Nordsee oder in Alaska. Viele Leute meinen, daß man auf Grund des ersten Ölpreis-Schocks Anfang der 70er Jahre angefangen hat, nach Alternativen zu den Ölvorkommen der Nahost-Länder zu suchen. Prompt habe man in der Nordsee Öl gefunden und konnte den Druck reduzieren. Falls es an anderer Stelle wieder eng wird, wiederholt man dies und sucht sich die "nächste Nordsee", zum Beispiel im Kaspischen Meer oder vor der Küste Angolas.
Dabei wird jedoch übersehen, daß die Vorkommen in der Nordsee und in Alaska sehr wohl vor der Ölkrise schon entdeckt waren und daß es nur ein ökonomisches Problem war, diese schwieriger zu erschließenden Felder auch tatsächlich auszubeuten. Die Ölindustrie war darauf vorbereitet. Achtzig Prozent des heute geförderten Öls stammt aus Quellen, die dreißig Jahre oder länger bekannt sind.

Bild: Das Größte findet man mit einfachen Methoden zuerst. So auch bei der Suche nach Erdöl. Nach einer Phase des Lernens und der Internationalisierung war das Maximum der Neufunde in den 60er Jahren - seither findet man zunehmend weniger Öl; Dies wird schon bald seinen Niederschlag in einer rückläufigen Ölproduktion und steigenden Preisen finden. Man kann nur Öl fördern, das man vorher gefunden hat. Eine theoretische Ressourceabschätzung, wieviel Öl möglicherweise irgendwo vorhanden sein könnte, hilft hier wenig.
Das Maximum der neuen Ölfunde war in den 60er Jahren erreicht. Trotz intensivster Explorationsbemühungen nach den beiden Ölkrisen werden die neuen Funde bis auf wenige Ausnahmen immer geringer. Dies ist auch in keiner Weise erstaunlich, denn die geologischen Zusammenhänge, die zur Entstehung von Öl in der Erdgeschichte geführt haben, sind mittlerweile sehr gut verstanden. Man weiß also, wo man suchen muß und man weiß, wo es nichts zu finden gibt.
Es ist auch einsichtig, daß die großen Vorkommen bereits mit einfachen Methoden früher gefunden wurden als die kleinen. Die Summenkurve aller bisher gefundenen Ölfundenähert sich längst asymptotisch einem Grenzwert. Bei der nächsten Ölkrise gibt es keine "noch nicht angegangenen Vorkommen" mehr. Im wesentlichen ist bereits alles gefunden.
Die einzigen noch hoffnungsvollen weniger erforschten Gebiete liegen im tiefen Atlantik vor den Küsten Brasiliens und Westafrikas, im Golf von Mexico und im Kaspischen Meer. In 20 Jahren der Suche wurden hier etwa 25 Gb gefunden. Geologen vermuten, daß hier insgesamt etwa 85 Gb über die kommenden 20 Jahre gefördert werden könnten - nach dem Geologen C.J. Campbell eine sehr optimistische Abschätzung. Dies würde den Weltölverbrauch um etwas mehr als 4 Jahre decken.
Der aktuelle Ölfund im Kasachischen off-shore Teil des Kaspischen Meeres wird von Geologen vorläufig auf etwa 10 - 20 Gb geschätzt (Stand: Anfang Juni 2000) - genauere Angaben stehen noch aus. Somit wäre es der größte Ölfund seit mehr als 20 Jahren. Das Gesamtpotential des Kaspischen Meeres wird von Geologen auf etwa 20 - 30 Gb geschätzt - in der Presse wird es teilweise von politisch motivierter Seite mit über 100 Gb angegeben. Man wird sehr bald sehen, daß die Erschließung des tatsächlichen Potentials von vielen Randbedingungen abhängt und kaum einen Einfluß auf das weltweite Produktionsmaximum haben wird.
Die euphorischen Meldungen der letzten Monate über große Funde im Kaspischen Meer sind vor allem politisch motiviert, um den OPEC-Staaten den Eindruck zu vermitteln, daß man von ihnen unabhängig sei. Daß man heute im tiefen off-shore Bereich mit kostspieligen Methoden exploriert, muß zunächst als ein Eingeständnis gewertet werden, daß man andernorts kaum noch Öl findet. Denn das leichteste macht man zuerst ...
Die OPEC-Staaten ihrerseits versuchen den Konsumentenstaaten weiszumachen, daß sie noch sehr lange über Öl verfügten und somit kein Anlaß wäre, über Alternativen nachzudenken.
Für die Nordsee wird erwartet, daß das Fördermaximum spätestens um das Jahr 2001 erreicht sein wird. Die heimischen europäischen Ölvorkommen gehen sichtbar und absehbar zu Ende. Dies gilt insbesondere für Norwegen, dem wichtigsten Ölproduzenten in Europa und gleichzeitig weltweit zweitgrößten Ölexporteur. Dann kann der bisherige Anteil an europäischer Eigenförderung von knapp vierzig Prozent nicht länger aufrecht erhalten werden.
In den USA war das Produktionsmaximum im Jahr 1971 und ein kleineres Nebenmaximum, aufgrund des bei höheren Ölpreisen rentablen Anschlußes von Alaska 1985 erreicht. Die Importquote der USA hat sich in den letzten zehn Jahren von dreißig auf jetzt über fünfzig Prozent erhöht. Heute befindet sich die Ölproduktion der USA auf dem Niveau der fünfziger Jahre.
Knapp sechzig Prozent der weltweiten Ölreserven lagern im nahen Osten, einer Region von der die Welt zunehmend abhängig sein wird. Trotzdem setzen die Volkswirtschaften weiterhin auf den Energieträger Erdöl und auf dessen billiger Verfügbarkeit.
Die Meldungen über große Einzelfunde dürfen nicht über die Problematik der Gesamtsituation hinwegtäuschen. In den USA brechen aufgrund der rückläufigen Förderung Jedes Jahr ca. 300000 Barrel Tagesproduktion weg, die andernorts zusätzlich gefördert werden müssen. In Europa dürfte innerhalb der kommenden 1-2 Jahre ein ähnlicher Betrag zusätzlich wegfallen. Somit wird man (auch mit den großen Reserven der OPEC und mit manchen Neufunden) Mühe haben, die in den alten Regionen rückläufige Produktion durch eine Mehrproduktion dort wenigsten einigermaßen auszugleichen.
Es ist durchaus vorstellbar, daß die heutige Ölpreiskrise (Juni 2000), die ja durch die geringen Förderquoten der OPEC ausgelöst wurde, den Beginn einer dauerhaften Unterversorgung bedeutet. Zunächst zeigt sie, daß die Welt außerhalb der OPEC das ausfallende Erdöl nicht liefern kann, denn sonst würde sie es. Die überstürzte Reise des amerikanischen Energieminsters in die OPEC-Staaten im März dürfte eher kontraproduktiv gewesen sein, zeigte sie doch der OPEC ihre tatsächliche Macht. Diese wird sie denn auch zunehmend ausspielen. Unklar ist, wie stark und vor allem wie schnell die OPEC ihre Produktion noch ausweiten kann. Es gibt begründete Vermutungen, daß man auch dort nahe der Kapazitätsgrenze fördert. Das mit 100 Gb weltgrößte Ölfeld Ghawar in Saudi Arabien befindet sich bereits jenseits des Produktionsmaximums im "decline".
Ob die derzeitige Überaktivität im Anschluß neuer Felder diesen Ausgleich noch einmal für kurze Zeit wird bringen können, muß sich zeigen. (Man stelle sich vor, daß die durchschnittliche Produktionsrate texanischer Ölquellen 7 Barrel pro Tag beträgt - Das sind sieben Faß Öl pro Tag !!! Große im Rückgang befindliche alte Ölfelder fördern mit einigen zigtausend Barrel Tagesproduktion).
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