Ludwig-Bölkow-Systemtechnik Studie für die Energy Watch Group
Kohleressourcen und -Förderung weltweit
16.04.2007
Hintergrund
Immer wenn über die zukünftige Verfügbarkeit fossiler Energievorräte diskutiert wird, wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Kohlereserven auf der ganzen Welt im Überfluss vorhanden sind und auch ein immer weiter steigender Kohleverbrauch bis weit in die Zukunft sichergestellt ist. Manche bewerten dies als durchaus positiv, könnten dank Kohle doch die zur Neige gehenden Erdöl- und Erdgasvorkommen ersetzt werden. Andere sehen Horrorszenarien angesichts der katastrophalen Konsequenzen die das für unser Weltklima haben könnte. Die Kernfrage allerdings, wie viel Kohle es nun wirklich gibt, wird in den Diskussionen selten zur Sprache gebracht.
Datenqualität
Erste und zugleich mit wichtigste Schlussfolgerung aus den EWG-Recherchen ist, dass die Qualität der Daten über Kohlereserven und -Ressourcen dürftig ist – national als auch weltweit gesehen. Leider gibt es keine objektive Methode, mit der man bestimmen könnte, wie zuverlässig die verfügbaren Daten tatsächlich sind. Einige Indizien deuten darauf hin, dass die Kohlereserven und -Ressourcen in den Statistiken im allgemeinen überschätzt werden. So wurden sowohl die Reserven als auch die Ressourcen in den letzten zwei Jahrzehnten überall auf der Welt immer wieder – mitunter sogar sehr drastisch – nach unten korrigiert.
Deutlichstes Beispiel für kommentarlose Änderungen von Statistiken ist die Herabstufung der nachgewiesenen deutschen Steinkohlereserven um 99 Prozent (!) von 23 Milliarden Tonnen auf 0.183 Milliarden Tonnen in 2004. Laut Weltenergierat wurden große Reserven, die früher als nachgewiesen galten, neu bewertet und nun als spekulativ eingeschätzt. Die ausführende deutsche Behörde hat hierzu keinerlei Erklärung veröffentlicht. So konnte die Herabstufung – trotz zu diesem Zeitpunkt intensiver öffentlicher Debatte über die Zukunft der Kohleförderung in Deutschland, weitgehend unbemerkt erfolgen. Auch die deutschen Braunkohlereserven wurden drastisch nach unten korrigiert, was insofern bemerkenswert ist, als Deutschland der größte Braunkohleförderer weltweit ist.
Polen hat seine Steinkohlereserven im Vergleich zu 1997 um 50 %, seine Hartbraunkohle- und Weichbraunkohle-Reserven seit 1997 in zwei Schritten auf 0 zurückgestuft.
In manchen Ländern, wie z.B. in Vietnam, wurden die nachgewiesenen Reserven seit 40 Jahren nicht mehr nachgeführt. Daten für China wurden zum letzten mal 1992 aktualisiert, ungeachtet der Tatsache, dass ca. 20% der damals festgelegten Reserven seither gefördert wurden und weitere 1-2 Prozent in unkontrollierten Kohlefeuern aufgebraucht wurden.
Nur Daten über Reserven sind von praktischer Relevanz, nicht Daten über Ressourcen
Die Logik, zwischen Reserven (= nachgewiesen und als förderwürdig definiert Mengen) und Ressourcen (zusätzliche, bereits entdeckte sowie noch zu entdeckende, angenommene oder spekulative Mengen) zu unterscheiden, besteht darin, dass Förderung und Erkundungsaktivitäten es im Laufe der Zeit erlauben, einige der Ressourcen neu als Reserven einzustufen.
In der Praxis hat trotz steigender Kohlepreise so eine Neueinstufung während der vergangenen letzten zwei Jahrzehnten nur in zwei Fällen stattgefunden: In Indien (für Steinkohle von 12,6 Mio. Tonnen in 1987 auf 90 Mio. Tonnen in 2005) und in Australien (für Steinkohle von 29 Mio. Tonnen in 1987 auf 38.6 Mio. Tonnen in 2005). Alle anderen Länder haben ihre Steinkohlereserven im gleichen Zeitraum um zusammen 35 Prozent zurückgestuft. Insgesamt wurden die Steinkohlereserven weltweit um 15 % niedriger eingestuft. Bezieht man noch die unterschiedlichen Kohlequalitäten von Anthrazit bis Lignit in die Überlegungen mit ein, ergibt sich weltweit ein ganz ähnliches Bild: überall wo es Veränderungen gab wurden die Reservenangaben herabgesetzt. Die aufgelaufene Kohleförderung in dieser Periode ist klein im Vergleich zur Zurückstufung wie sie überall stattfindet und kann daher keine Erklärung hierfür sein. Was die weltweite Ressourceneinschätzung anbelangt, ist der Trend sogar noch einschneidender: Die Einschätzung der weltweiten Kohleressourcen wurden von 1980 bis 2005 in mehreren Schritten um insgesamt 50% zurückgestuft.
Einige Länder dominieren weltweit bei der Kohle
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Größter |
Zweitgrößter |
Drittgrößter |
Viertgrößter |
Anteil der Top 6 |
Reserven 2005 |
USA
120 Btoe |
Russland
69 Btoe |
Indien
61 Btoe |
China
59 Btoe |
85% |
Förderung 2005 |
China
1.108 Mtoe/a |
USA
576 Mtoe/a |
Australien
202 Mtoe/a |
Indien
200 Mtoe/a |
> 80% |
Netto Export 2005 |
Australien
150 Mtoe/a |
Indonesien
60 Mtoe/a |
Südafrika
47 Mtoe/a |
Kolumbien
36 Mtoe/a |
85% |
USA über Fördermaximum, Chinas Reserven sinken am schnellsten Als zweitgrößter Produzent der Welt hat die USA ihr Fördermaximum bei der Produktion hochwertiger Kohle bereits 1990 erreicht. Entsprechend der genannten Reserven hat die Förderung von Hartbraunkohle diesen Rückgang mehr als wieder gutgemacht – eine Entwicklung, die noch weitere 10 bis 15 Jahre aufrechterhalten werden kann. Zieht man andererseits den niedrigeren Energiegehalt von Hartbraunkohle in Betracht, so hat die US Kohleförderung ihr Fördermaximum bereits vor 5 Jahren erreicht. Es ist nicht klar, ob dieser Trend noch einmal umgekehrt werden kann, denn auch die Produktivität pro Bergarbeiterl nimmt seit 2000 immer mehr ab.
Der schnellste Abbau von Kohle weltweit findet in China statt, das im Jahr 1,9 % seiner Reserven fördert.
Weltweites Fördermaximum für Kohle um 2025 bei 30 Prozent über der gegenwärtigen Produktion – im besten Fall
Obwohl die Qualität der Daten über Kohlereserven sehr dürftig ist, kann deren Analyse durchaus sinnvoll sein. Wie die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die verfügbaren Statistiken tendenziell Höchstwerte darstellen, so dass Abschätzungen über zukünftige Produktionsprofile eher eine obere Grenze möglicher zukünftiger Entwicklungen darstellen.
Basierend auf einer detaillierten Länderanalyse fasst das folgende Diagramm die vergangene und zukünftige Kohleförderung in der ganzen Welt unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Energieinhalte zusammen. Diese Analyse zeigt, dass die Kohleförderung – angetrieben vor allem durch Australien, China, den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Ukraine, Kazakhstan) und Südafrika – weltweit in den nächsten 10 bis 15 Jahren noch um ca. 30 Prozent ansteigen kann. Die Förderung wird sich dann auf einem Niveau einpendeln und anschließend sinken. Das mögliche Förderungswachstum bis ca. 2020 liegt auf gleicher Linie mit den zwei Bedarfsszenarien der Internationalen Energie Agentur (IEA) in ihrem „World Energy Outlook 2006“. Hervorzuheben ist, dass die skizzierte Entwicklung über 2020 hinaus nur mit dem IEA Alternative Policy Scenario zu vereinbaren ist, in dem die Kohleförderung von klimapolitischen Maßnahmen eingeschränkt wird, während das IEA Referenzszenario von weiterhin steigendem Kohleverbrauch (und -förderung) bis wenigstens 2030 ausgeht. Wie diese Analyse zeigt, wird vermutlich jedoch genau dies aufgrund begrenzter Reserven nicht möglich sein.
 World coal production (EWG/LBST 2007)
An dieser Stelle nochmals der nachdrückliche Hinweis, dass diese Analyse eine obere Grenze zukünftiger Kohleförderung darstellt, die der bestmöglichen Einschätzung der Autoren entspricht. Klimapolitische Maßnahmen und andere Einschränkungen wurden dabei nicht mit in Betracht gezogen.
Die gesamte Studie kann hier heruntergeladen werden (pdf, englisch)  |