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Der Kohlesommer 2007 - Ein Situationsbericht
Dr. Werner Zittel im Juli 2007
Allzu lange hat sich niemand ernsthaft mit der Verfügbarkeit von Kohle befasst. Doch inzwischen mehren sich die Indizien, dass auch hier die Erwartungen viel zu hoch gesteckt sind, dass Kohle noch für viele Jahrzehnte in ausreichendem Maße verfügbar sein wird.
In diesem Jahr wurden gleich mehrere Analysen veröffentlicht, die darauf hinweisen, dass auch bei der Kohle deutliche Versorgungsengpässe erwartet werden können. Das ist einmal der Bericht der Energiekrise.de Autoren an die Energywatchgroup, der an dieser Stelle ( )schon besprochen wurde. Fast zeitgleich wurde vom Joint Research Center der Europäischen Kommission in Petten ebenfalls ein kritischer Bericht zur Kohleversorgungssituation veröffentlicht. Er wurde am 31. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt und kann hier ( ) eingesehen werden. Beide Berichte analysieren die Reserve und Förderstatistiken von Kohle. Dabei fällt auf:
- Die Kohlereserven haben in den vergangenen 20 Jahren deutlich abgenommen.
- Viele Staaten veröffentlichen seit Jahren unveränderte Reserveangaben, obwohl die vorausgehenden Reserveanpassungen zu Abwertungen führten, nicht aber zu Aufwertungen. Daher sind die Angaben der "nachgewiesenen " Reserven sehr kritisch zu betrachten.
- 80% der Reserven verteilen sich auf nur 6 Staaten, USA, Russland, Indien, China, Australien und Südafrika.
- Etwa 85-90% der Kohleförderung werden im Land verbraucht, nur 10-15% exportiert.
- Die wichtigsten Exportländer sind Australien, Indonesien, Russland, Südafrika, Kolumbien.
- China, der mit Abstand größte Kohleproduzent, wurde Anfang des Jahres 2007 zu einem Nettoimporteur.
Dass es einen "Mismatch" von Angebot und Nachfrage geben wird, sobald die Verbraucher mangels kostengünstig verfügbaren Erdöls oder Gases stärker auf Kohle zurückgreifen würden, war absehbar. Jetzt zeigen sich erste Verknappungen, die durch diese Substitutionsprozesse mit verursacht werden.
Gängige Theorie ist, dass bei den steigenden Kohlepreisen auch die Erschließung neuer Minen erfolgen wird, und daher dieser Engpass nur vorübergehend sein wird. Genau dieselbe Argumentation wird seit dem Jahr 2001 gebetsmühlenartig für den Erdölbereich wiederholt. Doch die Preise stiegen bisher schneller als die dürftige Ausweitung des Angebots. Seit dem Jahr 2004 fällt die Erdölförderung der westlichen Ölkonzerne sogar.
Eine Recherche in Tageszeitungen und online Journalen liefert einige Indizien, dass der Druck der hohen Öl- und Gaspreise auch auf den Kohlemarkt durchschlägt, und sich dadurch bereits jetzt erste Knappheiten zeigen. Dies wollen wir im folgenden etwas belegen. Zunächst soll kurz aufgezeigt werden, welches im Jahr 2005 die wichtigsten Kohleförder- und Verbraucherstaaten sowie die größten Exporteure waren:
| Land |
2005 |
2006 |
Reserven
1000
Mtoe |
Förderung
Mtoe |
Verbrauch
Mtoe |
Netto-
exporte
Mtoe |
Förderung
Mtoe |
Verbrauch
Mtoe |
Netto-
exporte
Mtoe |
| China |
1119,8 |
1082 |
26 |
1212,3 |
11191,3 |
21 |
60 |
| USA |
580,2 |
575 |
1 |
595,1 |
567,3 |
27,8 |
120 |
| Australien |
206,5 |
52 |
150 |
203,1 |
51,1 |
152 |
40 |
| Indien |
200,7 |
213 |
-13 |
209,7 |
237,7 |
-28 |
60 |
| Südafrika |
137,7 |
92 |
47 |
144,8 |
93,8 |
51 |
30 |
| Russland |
139,5 |
117 |
20 |
144,5 |
112,5 |
32,3 |
70 |
| Indonesien |
90,4 |
23 |
60 |
119,9 |
27,7 |
92,2 |
2 |
| Kolumbien |
39,4 |
2 |
36 |
42,7 |
3
|
39,7 |
4 |
| World |
2916,7 |
2957 |
|
3079,7 |
3090,1 |
|
909064 |
Tabelle: Die größten Kohleförderländer. Diese Zahlen in Energieeinheiten summieren alle Kohlequalitäten und bilden die Nettobilanz aus Exporten und Importen.
(Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2006 und 2007)
Die Statistiken geben einen Anhaltspunkt, können aber nicht als exakt angesehen werden. So z.B. wurden die Angaben für das Jahr 2005 im aktuellen Bericht teilweise um 10% nachträglich korrigiert.
Die größten Kohleexporteure ohne Abzug der ebenfalls erfolgenden Importe sind in der folgenden Tabelle gemäß einer Statistik der US-EIA für das Jahr 2004 aufgelistet. Zusätzlich ist die Projektion der EIA für das Jahr 2030 dargestellt:
Land |
Exporte 2004
Mio. Tonnen |
Exporte 2030
Mio. Tonnen |
| Australien |
225 |
359 |
| Indonesien |
119 |
145 |
| China |
87 |
96 |
| Südafrika |
68 |
91 |
| Südamerika |
60 |
141 |
| FSU |
51 |
82 |
| USA |
44 |
15 |
| Kanada |
26 |
41,5 |
| Polen |
15 |
4 |
Quelle: IEA Annual Energy Outlook
Ungeachtet solcher Prognosen deuten sich bereits heute wesentliche Probleme an, die wir im folgenden mit Beispielen belegen wollen:
China
Im Januar 2007 wurde China ein Nettoimportland. Die Tendenz ist steigend. Im Zeitraum Januar – April 2007 wurden 19,2 Mio. Tonnen importiert und 15,97 Mio. Tonnen exportiert. Somit ergibt sich ein Importüberschuß von 4.9 Mio. Tonnen.
(Quelle: "China Imported More Coal in April", International Business Times vom 15. Mai 2007).
Auf das ganze Jahr hochgerechnet dürfte sich das auf mindestens 20 Mio. Tonnen addieren. Im Detail wird es aber davon abhängen, wie stark die Förderung bei gleichzeitig steigendem Verbrauch noch ausgeweitet werden kann. In China sind derzeit mehrere Kohleverflüssigungsanlagen zur Produktion von Kraftstoffen aus Kohle im Bau (siehe z.B. "China bets big on coal-to-oil projects", W. Zhong, Asia Times vom 23. Mai 2006 ). Allein dadurch dürfte der zusätzliche Kohlebedarf in den nächsten Jahren um 100-200 Mio. Tonnen zunehmen. Zusätzlich wird dafür das ohnehin bereits knappe Wasser benötigt. So soll z.B. soll für eine Kohleverflüssigungsanlage in Shenhua eigens eine 120 km lange Wasserleitung zum Gelben Fluß gebaut werden.
Pro Tonne synthetisch erzeugtem Öl werden etwa 10 Tonnen Wasser benötigt. Hochgerechnet auf die gesamte Anlage in Shenhua mit etwa 500 Barrel Tagesproduktion sind das pro Stunde etwa 3-4 Tonnen Wasserbedarf. ("China's Coal Future, Part I", Technology Review, 4. Januar 2007, siehe )
Doch erstmals deuten sich jetzt Grenzen an. So will die State Development and Reform Commission die Kohleförderung bis zum Jahr 2010 bei etwa 2600 Mio. Tonnen einfrieren. ("China to control coal production", China daily vom 23. Januar 2007 ). Angesichts der Förderung des Jahres 2006 von 2380 Mio. Tonnen (lt. BP Statistical Review of World Energy 2007) bleibt da nicht mehr viel Spielraum. So steigen seit einiger Zeit die Importe vor allem aus Indonesien und Australien an. Dies trug mit dazu bei, dass die Exportpreise für australische Kohle angestiegen sind. ("Newcastle coal rises to 2-year high as China's demand increases", M. Batchelor, Bloomberg, 4. Juni 2004).
In Folge davon fordern chinesische Kohleexporteure inzwischen etwa 40% höhere Preise von japanischen und koreanischen Importeuren ("China asks Japan, South Korea to Pay More for Coal", Bloomberg, 24. Mai 2007; siehe z.B. ). Inzwischen wird auch den offiziellen Regierungsstellen klar, dass der Wachstumsboom nicht mehr lange fortgesetzt werden kann, und so forderte ein verantwortlicher Mitarbeiter der National Development and Reform Commission erstmals, dass Kohleverflüssigungsprojekte einzustellen seien, weil sie einerseits zuviel Energie, andererseits zuviel Wasser benötigten. Zudem sei die Kohleverflüssigung sehr teuer. ("Report: China considers halting coal-to-oil projects due to energy, expense worries", International Herald Tribune, 11. Juni 2007; siehe ).
Indonesien Angesichts begrenzter Ressourcen werde der Kohleexport im Jahr 2007 mit etwa 170 Mio. Tonnen sein Maximum erreichen und nach ein paar Jahren auf etwa 100 Mio. Tonnen zurückgehen, wird J. Mulyono, der Vorsitzende des Indonesischen Kohleverbandes, zitiert. (siehe "Indonesia, following China, may cut coal exports to meet demand", Bloomberg, 4. Juni 2007; siehe z.B. unter oder ). Gleichzeitig soll die Vergabepraxis von Förderlizenzen an ausländische Investoren neu überdacht werden ("Indonesia may rescind part of coal, metal concessions", Bloomberg, 5. Juni; siehe z.B. oder "Coal Indonesia faces threats", RNCOS, 24. Januar 2007 ). Dies zielt insbesondere auf die jüngsten Investitionsbestrebungen indischer Kraftwerksbetreiber ab (Siehe nächster Beitrag).
Indien:
In Indien wird Erdgas knapp. Insbesondere die Kunstdüngerproduzenten werden davon hart betroffen. Um diese Knappheit etwas zu mildern hat die indische Regierung die Kraftwerksbetreiber aufgefordert, künftig verstärkt neue Kohlekraftwerke zu bauen. ("India to Power Firms: opt for coal", UPI, 13. Juni 2007, siehe z.B. ). Doch Kraftwerkskohle ist ungeachtet der ausgewiesenen großen Reserven bereits heute in Indien knapp. So versuchen die großen Kraftwerksbetreiber bereits, sich durch den Einkauf in ausländische Kohleminen die Versorgung der geplanten Kraftwerke zu sichern.
Insbesondere Tatapower hat sich hier in Indonesien engagiert und will dort 30% Anteil an zwei indonesischen Kohleminen zu erwerben ("Tatas will set up offshore SPV for Indonesia coal mine buy", Business Line 3. April 2007, siehe oder "Tata Power looking at coal mines abroad; Lanco in talks for Chinese equipment", Businessline, 29.Dezember 2006 ).
Man kann spekulieren, warum sich Tata Power im Ausland und nicht in Indien selbst an Kohleminen beteiligen will, obwohl die indischen Kohlereserven doch jedes Jahr höher bewertet werden.
Russland
Auch in Russland wird die Aufrechterhaltung der Erdgasförderung immer schwieriger. Daher wird versucht, zunehmend die Gaskraftwerke durch Kohlekraftwerke zu ersetzen, um das devisenbringende Erdgas für den Export zu reservieren ("Russia considers increasing coal use to facilitate gas exports", S. Blagov, Eurasia Daily Monitor, 11. Juni 2007 ).
Noch drastischer wird I. Gribanovsky, ein Direktor von Russlands zweitgrößtem Kohleexporteur SUEK, zitiert. Er erwartet, dass von 2009 an die russischen Kohleexporte sinken werden. ("Russia Coal Exports to start falling", Reuters vom 6. Juni 2007, siehe ).
Südafrika
Auch in Südafrika zeigen sich Anzeichen der Erschöpfung der besten Kohlelagerstätten. So mußten sowohl Eskom (Stromerzeuger) als auch Sasol (Kohleverflüssigung zur Kraftstoffherstellung) bereits auf Importkohle ausweichen, weil die heimische Förderung den Bedarf und die bestehenden Exportveträge nicht mehr insgesamt decken kann. ("Coal still a hot topic for South Africa – Chamber of Mine", Ch. van der Merwe, Mining weekly, 16. März 2007, siehe und "SA could face a coal shortage should any one of the 20 coal-mine projects slip", I. Venter, Mining weekly, 2. März 2007, siehe ). Dort wird zitiert, dass einige der großen Kohleminen das Fördermaximum bereits überschritten haben.
Diese Zusammenstellung der Pressemeldungen aus verschiedenen Regionen zeigt auf, dass Knappheiten sehr schnell manifest werden können. Natürlich lassen sich einige der Probleme damit erklären, dass die Nachfrage in den letzten Jahren sehr schnell angestiegen ist. Die spannende Frage aber bleibt, ob die Ausweitung der Förderung im erforderlichen Maß erfolgen wird oder ob das eben nicht mehr geht. Das bleibt zu beobachten.
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